Streit um Löschung
Spendenprotest überrollt Wikimedia

Mit massenhaften Kleinstspenden artikulieren Wikipedia-Kritiker ihren Ärger über vermeintlich falsche Löschungen von Einträgen. Der betroffene Verein Wikimedia Deutschland sieht sich zu Unrecht attackiert - und muss sich mit den Kosten der Aktion herumschlagen.
  • 3

HAMBURG. In der Gemeinde der freien Enzyklopädie Wikipedia brodelt es. Der Streit um die Löschung von Einträgen droht zu eskalieren. Etliche Kritiker haben inzwischen einen ungewöhnlichen Weg gefunden, ihrem Ärger Luft zu machen. Bereits seit Donnerstag überfluten sie die Spendenliste des Vereins Wikimedia, der das Online-Lexikon fördert, fast im Minutentakt mit Kleinstspenden ­ und gepfefferten Kommentaren.

„Dies war einmal eine 100-Euro-Spende. Leider wurden 99 davon mangels Relevanz gelöscht!“, kommentierte zum Beispiel Michael seine Spende von einem Euro. Auch Thomas machte mit einer Ein-Euro-Spende seinem Ärger Luft: „Mir egal, welchen Artikel ihr dafür löscht.“

Der heftige Streit unter den ehrenamtlichen Mitarbeitern und den Nutzern der freien Enzyklopädie begann vor rund sechs Wochen. Er entzündete sich an der Löschung eines Eintrags zum Verein MOGIS, einer Vereinigung der „Missbrauchsopfer gegen Internetsperren“. Der Eintrag erfülle nicht die Relevanzkriterien, hieß es. Nutzer und Administratoren hatten sich an einer umstrittenen Vereinsstruktur und der nicht näher nachweisbaren Mitgliederzahl gestoßen.

Löschvorgänge gebe es seit Bestehen der Wikipedia, erklärte Pavel Richter, Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland. Die auch heute angewendeten „Relevanzkriterien“ seien das Produkt einer jahrelangen Diskussion. An der könne sich jeder Interessierte beteiligen, er müsse nicht einmal als Nutzer angemeldet sein. In der Regel sind die Fälle offensichtlich, wenn es zum Beispiel um Urheberrechts- oder Persönlichkeitsverletzungen gehe oder um ganz offensichtliche Unsinns-Einträge. Am Ende einer siebentägigen Diskussion bei Relevanzfragen entscheidet dann schließlich ein Administrator über die Qualität der Argumente.

Erfüllt ein Eintrag über das „Bratkartoffelverhältnis“ die gemeinschaftlich erstellten Relevanzkriterien? Oder ist es Motorolas neues Smartphone „Milestone“ wert, aktuell in Wikipedia mit einem eigenen Eintrag aufgenommen zu werden? „Gänzlich irrelevantes 08/15- Konsumgut“, meint dazu zum Beispiel der Nutzer mit dem Namen „Weissbier“ in der aktuellen Diskussion und plädiert für „Löschen“. Bei allen Diskussionen geht es im Kern generell um die Frage, ob unter Wikipedia Einträge aufgenommen werden sollen, die keine allgemeingültige Bedeutung haben.

Seite 1:

Spendenprotest überrollt Wikimedia

Seite 2:

Kommentare zu " Streit um Löschung: Spendenprotest überrollt Wikimedia"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Die derzeitigen Vorgänge sind nur Nebenschauplätze des eigentlichen Problems bei Wikipedia. Für Journalisten dürfte dieses keine Überraschung sein.
    Wikipedia steht bei den wichtigen Themen, also Themen, die finanzielle und/oder politische bedeutung haben, vollständig unter dem Einfluß bezahlter PR-Agenturen, Firmen, und politscher interessengruppen. besonders bei den politischen Themen braucht man keine Überraschungen zu erwarten: 2. Weltkrieg, Einfluß der USA, echte und angebliche Demokratiedefiziete in verschiedenen Ländern, erwähnte und herausgelöschte Menschenrechtsverletzungen in verschiedenen Ländern - alle diese Themen und die Themen mit finanziellem Hintergrund sind massiv manipuliert und werden im jeweilig genehmen Zustand zementiert mittels Mißachtung jeglicher Wikipedia-eigener Regeln.
    Die angeblich "aktuelle" angebliche "Diskussion" ändert unabhängig von ihrem Ausgang daran nichts, da sich die politische und PR-Einflußnahme vorallem dadurch ihren Raum sichert, dass die Akteure jeden Tag die volle Arbeitszeit darin investieren - sie werden ja schließlich dafür bezahlt.
    Daher ist es auch kein Wunder, dass Leute wie "Weissbier" (sei er nun authentisch oder nur ein bezahlter Provokateur), die offensichtlich bereits hunderfach gegen die Wikipedia-eigenen Regeln verstoßen haben, immer noch tätig sein können: Diese Leute erfüllen ihren Zweck - Ablenkung vom eigentlichen Fehler des Wikipedia.
    "Wer sich genug Mitarbeiter anheuern kann, hat dort die meiste zeitliche Präsenz - und kann daher seinen Einfluß unbegrenzt ausüben."

  • *Die* "zentrale Plattform für das digitale Marketing" heißt "Google".

    insofern war der Artikel vermutlich sachlich falsch, und wurde damit wohl zurecht gelöscht.

  • Ein Praxisbeispiel zur Versachlichung der Diskussion: Die Administratoren haben es tatsächlich geschafft, meinen völlig neutralen und unwerblichen Eintrag der dmexco, der zentralen Plattform für das digitale Marketing, zu löschen bzw. nicht zuzulassen. So viel zum Thema Relevanz.

    Selbstverständlich sind Einzelfallentscheidungen immer schwierig, manchmal erwecken sie aber eher den Eindruck von Willkür - und das hat Wikipedia eigentlich nicht verdient.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%