Suizidprävention per Suchmaschine

Wie Google Leben retten könnte

Können Suchmaschinen Leben retten? Münchener Forscher haben einen Ansatz entwickelt, wie Google und andere Suchprogramme Hilfsangebote bei Suizidgefahr zielgerichteter als bisher einblenden könnten.
Suchanfragen können einen Hinweis geben auf eine mögliche Suizidgefahr. Quelle: dpa
Suizidgefahr erkennen

Suchanfragen können einen Hinweis geben auf eine mögliche Suizidgefahr.

(Foto: dpa)

BerlinDurch ihre Anfragen bei Suchmaschinen verraten Internetnutzer nicht nur ihre Interessen und Vorlieben, sondern häufig auch ihren seelischen Zustand. Suchmaschinen wie die von Google folgen daher bereits Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation und blenden Hilfsangebote ein, etwa zur Telefonseelsorge, sobald nach Begriffen gesucht wird, die auf eine mögliche Selbsttötung schließen lassen.

Doch die Suchmaschinen könnten möglicherweise einen stärkeren Beitrag zur Suizidprävention leisten, wie eine aktuelle Studie von Forschern der Ludwig-Maximilians-Universität in München nahelegt. Momentan werden entsprechende Hilfsangebote nämlich nur in etwa 25 Prozent der Anfragen, die auf einen potenziellen Suizid hinweisen, angezeigt, wie Florian Arendt und Sebastian Scherr vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Münchener Hochschule aufgezeigt haben.

Wie depressiv sind die Deutschen?
Volkskrankheit Depression
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Kranke Seele: Immer mehr Menschen werden wegen psychischer Probleme krankgeschrieben. Das ist das Ergebnis des am Dienstag in Berlin veröffentlichten DAK-Psychoreports, für den das Berliner IGES Institut die Daten zur Arbeitsunfähigkeit von rund 2,6 Millionen berufstätigen DAK-Versicherten analysiert hat.

Wie viele Deutsche sind betroffen?
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Im vergangenen Jahr war hierzulande jeder 20. Arbeitnehmer wegen eines psychischen Leidens krankgeschrieben. Ausgehend von den Daten der Versicherten sind laut DAK-Psychoreport hochgerechnet 1,9 Millionen Berufstätige betroffen. Seit 1997 hat sich die Zahl der Fehltage wegen derartiger Diagnosen demnach verdreifacht. Die meisten Arbeitnehmer fehlten wegen Depressionen.

Nehmen Depressionen und anderes psychische Leiden tatsächlich zu?
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Nach Einschätzung von Experten werden seelische Leiden lediglich besser erkannt. Dazu passt, dass psychische Erkrankungen dem Report zufolge 2014 zwar mehr Ausfalltage als in den Vorjahren verursachten, Arbeitnehmer aber zugleich seltener wegen anderer Krankheiten fehlten.

„Es gibt heute nicht mehr psychisch kranke Menschen als vor zehn oder zwanzig Jahren“, sagt Hans-Peter Unger vom Zentrum für seelische Gesundheit der Asklepios Klinik Hamburg-Harburg. „Sie werden aber besser diagnostiziert und weniger stigmatisiert.“

Psychische Erkrankungen
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Der Vizepräsident des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP), Michael Ziegelmayer, sieht auch ein Statistikproblem: „Die Krankenkassen zählen die Fälle und nicht die Personen.“ Wiederkehrende Erkrankungen bei einem Patienten würden so möglicherweise mehrmals erfasst.

Wer ist besonders betroffen?
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Ältere Menschen und Frauen. Zumindest ist die Zahl der Fehltage wegen Seelenleiden höher je älter die Berufstätigen sind. Auf 100 weibliche DAK-Versicherte, die über 60 Jahre alt waren, entfielen zuletzt 435 Ausfalltage - bei Männern waren es lediglich 293. Bei der jüngsten Gruppe der 15- bis 19-Jährigen waren es 115 Tage bei Frauen und 57 bei Männern.

Anfälliger für Depressionen oder Angststörungen ist das weibliche Geschlecht allerdings nicht unbedingt: „Es ist bei Männern heute immer noch nicht selbstverständlich, sich einzugestehen, dass man ein Problem im psychischen Bereich hat“, erklärt BDP-Vize Ziegelmayer.

Welchen Einfluss hat der Wohnort?
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„Der Stresspegel ist in Großstädten höher“, sagt Fachmann Unger. „Außerdem ist in der städtischen Community das Gesundheitsbewusstsein größer.“ Psychische Probleme würden so schneller erkannt.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) vom Robert Koch-Institut. Demnach hat die Wohnortgröße Einfluss auf die Häufigkeit von depressiven Symptomen: In kleinstädtischen Orten waren die wenigsten betroffen.

In welchen Branchen sind psychische Erkrankungen besonders häufig?
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Die meisten Seelenleiden werden im Gesundheitswesen diagnostiziert, die wenigsten im Baugewerbe. „Das hat mit der Art der Belastung zu tun“, erklärt Psychologe Ziegelmayer. Sie sei auf dem Bau in der Regel körperlich - in der Gesundheitsbranche psychisch. Und: „Die Arbeitsbedingungen in der Pflege werden eher schlechter als besser.“

„Damit vergeben Suchmaschinen die Chance, einer großen Anzahl gefährdeter Personen zu helfen“, sagt Sebastian Scherr. Die Wissenschaftler schlagen nun einen Ansatz vor, der stärker berücksichtigt, in welchem Zusammenhang bestimmte Suchbegriffe eingegeben werden.

Entscheiden ist dabei die Erkenntnis, dass sich Suizide an bestimmten Tagen im Jahr häufen, zum Beispiel an Feiertagen wie Neujahr. Am Beispiel des Suchbegriffs „Vergiftung“ haben Arendt und Scherr den zeitlichen Verlauf von Google-Suchanfragen analysiert und nachvollzogen, an welchen Tagen und zu welchen Zeitpunkten dieses Wort besonders oft eingegeben wurde. Ihre Auswertung zeigt, dass die Suchanfragen genau an jenen Tagen zunehmen, an denen es auch deutlich mehr tatsächliche Suizidversuche gibt.

„Zumindest an solchen Tagen wäre es daher in einem ersten Schritt notwendig, Hilfsangebote vermehrt anzuzeigen“, fordert Scherr. In ihrer Pilotstudie schlagen die Forscher vor, den Algorithmus von Suchmaschinen laufend auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse anzupassen, um Risikofaktoren stärker zu berücksichtigen.

Mit einer gezielten Anpassung könnten Google und andere Suchmaschinen einen stärkeren Beitrag zur Suizidprävention liefern. „Die Betreiber von Suchmaschinen haben hier eine gesellschaftliche Verantwortung“, mahnt Arendt.

  • afp
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