Technikmafia
Erpressung in der Elektroabteilung

Schutzgelderpressung ist ein florierendes Geschäftsmodell, wo man es kaum vermutet: Hersteller von Kameras, Handys und Druckern verschlechtern ihre Modelle künstlich – um uns teure Extras verkaufen zu können. Eine Abrechnung.
  • 5

HamburgAngenommen, wir wären Pizzabäcker in einem miesen Mafiafilm. Eines Tages, wir haben gerade unser Lokal aufgesperrt, besucht uns Don Alfonso mit seinen humorlosen Begleitern. Diese zerren uns in die Küche, weil sich Blut von den Kacheln besser abwischen lässt, zertrümmern uns das Nasenbein und machen uns dann ein Angebot, das wir nicht ablehnen können: Gegen die Zahlung einer Gebühr könne man uns künftig vor solchen Unfällen beschützen. Nur ein schlechter Film?

Im richtigen Leben gibt es vergleichbare Mafiamethoden – zwar weniger blutig, aber ähnlich kostspielig. Opfer sind wir alle. Täter sind die Hersteller von technischen Geräten, von Handys, Computern, Kameras. Ihre Druckmittel sind »Antifeatures« – Tricks und Kniffe, mit denen sie ihre Produkte vorsätzlich schlechter machen, als sie eigentlich sein könnten. Kleine elektronische Schweinereien, die uns das Leben mit der Technik zur Hölle machen und dafür sorgen, dass wir zahlen und zahlen, um sie loszuwerden. Was uns natürlich nie gelingt. Weswegen wir noch mehr zahlen und zahlen. Und irgendwann sogar glauben, das sei völlig normal.

Aber das ist es nicht. Das ist Beschiss. Manche Handys zum Beispiel kann man nur mit Sim-Karten bestimmter Netzanbieter benutzen – das ist ein klassisches Antifeature. Denn technisch passt jede Sim-Karte in jedes Handy. Doch Telekom, Vodafone und all die anderen Netzbetreiber nehmen uns diese Freiheit, damit wir weiter mit ihren teuren Tarifen telefonieren und ja nicht mit einem anderen Anbieter fremdgehen. Loswerden können wir die Sperre natürlich nur gegen Bares.

Benjamin Mako Hill bemerkte als einer der Ersten, dass die Konzerne solche Schikanen systematisch einsetzen. Hill ist Amerikaner, dreißig Jahre alt, schlaksig und unvollkommen rasiert. Als Programmierer und Aktivist der Free-Software-Szene versteht er sich als eine Art Mafiajäger: Hill findet es gar nicht gut, dass die Konzernbosse ein Geheimnis darum machen, wie die Dinge funktionieren, die sie uns verkaufen. Er erfand das Wort »Antifeature«, um Aufmerksamkeit dafür zu erregen, dass Alltagsprodukte künstlich verschlechtert werden – und begann öffentlich gegen die absurdesten Auswüchse zu protestieren.

Kommentare zu " Technikmafia: Erpressung in der Elektroabteilung"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Der Vergleich im Text mit den Autos hinkt: Schonmal einen Mercedes AMG für über 100.000 Euro gekauft? Bei den aktuellen Modellen ist das so, daß der trotz knapp 500 PS bei 250 km/h abriegelt. Nach einer "freiwilligen Selbstverpflichtung aller Hersteller" - an dem auch Unternehmen wie VW teilnehmen. Gegen viel Geld, kann man noch ein "Drivers Package" erwerben, damit wird die elektronische Begrenzung aufgehoben, und wie von Zauberhand, ohne ein einziges neues TEil einzubauen, fährt das Auto plötzlich 285 .... dann ist es aber IMMER noch nicht ganz offen!

    Für mich ganz klar ein Antifeature, und hart am Betrug vorbei, der auch nur nicht stattfindet, weil der Hersteller bei dem Auto nicht direkt verspricht, wie schnell es fährt. Indirekt, also als subtile Botschaft, natürlich schon, aber klag' das mal ein.

    Mafia überall!
    T.

  • noch eine ergänzung zum obigen kommentar. stephen king hat schon 2006 einen netten roman zur thematik veröffentlicht. sollten sich alle handy- auto- und sonstige ramschidioten zulegen...immer schön gruseln....
    http://de.wikipedia.org/wiki/Puls_%28Stephen_King%29

  • .. und was können wir als Kunde tun? Sind wir machtlos - ja, solange wir Produkte kaufen, welche es durch Ihr Marketing geschafft haben und zu blenden. Denn sonst sind wir ja nicht mehr "in" oder "hip" bzw. man(n)/frau gilt als "rückständig" und "uncool". Wissen (ahnen) tun wir es doch schon längst - aber es scheint uns ja nicht zu stören! Oder?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%