Telekommunikationsbranche
Der Kampf um das Wohnzimmer

Die Telekommunikationsbranche befindet sich im Bandbreitenfieber. Die Festnetzanbieter rüsten mit Millionen-Investitionen ihre Netze auf, um sich für die Zukunft aufzustellen. Die sehen sie in leistungsfähigen Leitungen, die nicht nur Internet und Telefonie ermöglichen, sondern auch Fernsehen - und zwar in hoch auflösender Qualität und mit neuen Anwendungen wie zeitversetzem Sehen oder interaktiven Merkmalen.

DÜSSELDORF. Der Vorstoß markiert den Versuch, ein Comeback des tot gesagten Festnetzes einzuleiten. Im einstigen Kerngeschäft verlieren die Telekomkonzerne durch Internet-Telefonie und den Vormarsch des Handys seit Monaten Umsatz.

Trendsetter ist die Deutsche Telekom. Sie will als erstes Unternehmen in Europa ein Hochgeschwindigkeitsnetz (VDSL) bauen, das die gängige DSL-Geschwindigkeit um das 25- bis 50fache übertrifft. Noch vor dem ersten Spatenstich ist über das 3,3 Mrd. teure Projekt jedoch ein handfester Streit entbrannt: Konzernchef Ricke will nur dann 50 Städte mit den Turboleitungen versorgen, wenn er alleine über das Netz bestimmen darf. Er will verhindern, dass die Bundesnetzagentur ihn zwingt, die Superleitungen Wettbewerbern zu vorgegebenen Preisen zu öffnen. Setzt sich der Regulierer durch, will Ricke das Netz auf die zehn Städte beschränken, in denen die Telekom die Bauarbeiten bereits begonnen hat.

Durch den Streit ist ganz aus dem Blickfeld geraten, dass noch niemand weiß, wozu das neue Netz eigentlich gut sein soll. So hat sich der Bonner Konzern noch nicht konkret geäußert, welche Produkte er in dem neuen Netz anbieten will. Experten gehen davon aus, dass es vor allem um den Kampf ums Wohnzimmer geht. Bisher werden solche Geschwindigkeiten höchstens für hochauflösendes Fernsehen benötigt. Die Turboleitungen sollen Bilder in bisher nicht gekannter Qualität übertragen - und damit ein neues Seh-Erlebnis für eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen bieten. "Hochauflösendes Fernsehen ist die Anwendung der Zukunft", prognostiziert Adrian Fischer vom Marktforscher Cap Gemini.

Telekommunikationsunternehmen gegen Kabelnetzbetreiber

Dabei treten die Telekommunikationsunternehmen gegen die Kabelnetzbetreiber an, die ebenfalls ihre Leitungen nachrüsten, um neben Fernsehen auch Internet und Telefonie anzubieten. Im Wettstreit um Kunden setzen die Telekoms auf den Zusatznutzen, den das Internetfernsehen möglich macht - zum Beispiel Interaktivität. Die Anbieter malen sich aus, dass beispielsweise zahlreiche Zuschauer vom heimischen Sofa aus an der Quiz-Sendung "Wer wird Millionär" teilnehmen.

Technisch ist hochauflösendes Fernsehen zwar auch mit existierenden Bandbreiten von 16 Megabit möglich. Telekom-Konkurrenten wie Arcor oder Hansenet haben ihre Netze entsprechend hochgerüstet. Sie haben dennoch ein Problem: 16 Megabit reichen nicht, wenn die Bewohner eines Haushalts gleichzeitig fernsehen, telefonieren und im Internet surfen wollen. Hier ist VDSL gefragt.

Weil die Telekom nicht sagt, ob und zu welchem Preis sie Konkurrenten ihr VDSL-Netz nutzen lassen will, greifen erste Rivalen selbst zum Spaten: So verlegt der Kölner Regionalanbieter Netcologne in der Domstadt Superleitungen direkt bis in die Wohnungen seiner Kunden. Auch Hansenet prüft eine Investition in VDSL für Hamburg. "Es ist kompletter Wahnsinn, so eine Infrastruktur doppelt und dreifach zu verlegen und dann kein Geld mehr für den nächsten Technologie-Sprung zu haben", schimpft Jürgen Grützner, Geschäftsführer vom Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM). Andere Experten begrüßen die Initiativen jedoch: "Das Beispiel DSL hat gezeigt, dass sich der Markt in den Ländern, in denen ein Infrastruktur-Wettbewerb herrscht, viel schneller entwickelt hat als in Deutschland", sagt Manfred Breul vom Branchenverband Bitkom.

Sandra Louven
Sandra Louven
Handelsblatt / Korrespondentin in Madrid
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