Unbequeme Netzautoren
Blogosphäre im Visier der Sicherheitsdienste

Immer öfter geraten die Autoren von Online-Tagebüchern ins Visier von staatlichen Sicherheitsdiensten. Denn vielen Regierungen ist das Internet als Sammelbecken vielfältiger Meinungen und Positionen ein Dorn im Auge

dpa HAMBURG. Vier Tage lang hat ihn der ägyptische Sicherheitsdienst in Handschellen gelegt, ihm die Augen verbunden, ihn kaum schlafen lassen - und immer und immer wieder verhört. Gleich zu Anfang sagten sie zu ihm: "Alles, was in deinem Kopf steckt - wir wollen es herausholen".

Das erzählte der deutsch-ägyptische Blogger Philip Rizk nach seiner Freilassung Mitte Februar. Glück habe er gehabt, dass ihn die Behörden so schnell wieder rausließen. Glück, und ein schützendes Medienecho. Rizk bloggt aus Kairo über die humanitäre Lage im Gaza-Streifen und nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um Kritik an den Regierungen von Israel und Ägypten geht.

Der 27-jährige Student ist einer von vielen Bloggern, die verfolgt, eingeschüchtert oder eingesperrt werden, weil sie im Internet Dinge veröffentlichen, die die Staatsmacht als Bedrohung versteht. Amnesty International zählte im vergangenen Jahr 77 Länder, in denen die Meinungs- und Pressefreiheit beschnitten wurde. Immer öfter geraten auch die Autoren von Online-Tagebüchern ins Visier von Regimes, die das Internet als Sammelbecken vielfältiger Meinungen und Positionen misstrauisch beäugen. Besonders harsch gehen neben Ägypten auch Länder wie China, Kuba, Iran, Syrien und Vietnam gegen unbequeme Netzautoren vor. Derzeit sitzen weltweit rund 70 von ihnen im Knast.

Manche verbüßen dort drakonische Strafen. So wurde ein Birmane, der unter dem Namen Nay Phone Latt über das harte Leben unter der Militärjunta schrieb, im November zu 20 Jahren Haft verurteilt. Ein thailändischer Familienvater wanderte Anfang April für zehn Jahre ins Gefängnis, weil er beleidigende Bilder des Königs im Internet verbreitet haben soll.

"Das sind symbolhafte Strafen, die andere einschüchtern sollen", sagt Clothilde Le Coz, Internet-Expertin von Reporter ohne Grenzen. Die Behörden reagieren damit auf die wachsende Zahl von Bürgern, die sich im Netz Gehör verschaffen. Unterschiedlichen Schätzungen zufolge gibt es weltweit inzwischen 200 bis 300 Mill. Blogs. Rund ein Drittel von ihnen beschäftigt sich mehr oder weniger häufig mit Politik, schreiben die Betreiber der Blog-Suchmaschine Technorati in ihrem Jahresbericht 2008.

Wie wenig die Aktivitäten in der Blogosphäre manchen Regierungen behagen, zeigt ein Beispiel aus Südkorea: Dort verhaftete die Polizei im Januar den 30-jährigen Blogger Park Dae Sung. Der arbeitslose Akademiker hatte den Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers und die Auswirkungen der US-Finanzkrise auf die südkoreanischen Wirtschaft teilweise richtig vorausgesagt. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, falsche Informationen gestreut und so einen Schaden von rund 1,5 Mrd. Euro angerichtet zu haben.

Seite 1:

Blogosphäre im Visier der Sicherheitsdienste

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%