Urheberrecht im Netz
Generation Tauschbörse

Es geht weder um den Weltfrieden, noch um die Atomkraft - wer sich heute politisch engagiert, geht oft aus einem ganz anderen Grund auf die Straße: dem Urheberrecht. Der Kampf um das freie Internet wird erbitterter geführt denn je.
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DüsseldorfComputer sind Kopiermaschinen. Das liegt schon daran, wie sie funktionieren: Wer eine Website aufruft oder ein Programm ausführt, der kopiert den Inhalt in den Arbeitsspeicher, damit Prozessor und Grafikkarte ihn bearbeiten können. Das Wesen des Computers ist die Kopie.

Jahrelang war das kein Problem. Der Rechner war ein Arbeitsgerät, meist zur Textverarbeitung eingesetzt oder zum passiven Konsum von Inhalten. Doch mit dem Web 2.0 wurden Computer und Smartphone zum Tor zu einem interaktiven Kulturraum und dadurch für Millionen von Menschen zum unverzichtbaren Teil ihres Privatlebens. Zudem werden auch Filme und Musik wie selbstverständlich aus dem Netz geladen. Die „Generation Tauschbörse“ war geboren - und der Konflikt programmiert: der Streit über das Urheberrecht.

Ob eine Kopie von Werken zulässig ist, regelt in Deutschland das Urheberrecht. Es wurde einst im 18. Jahrhundert geschaffen, um das Verhältnis zwischen den Schöpfern und Rechteinhabern von Werken zu regeln. In den Zeiten, als Verlage und Rundfunkstationen ein Monopol auf die massenhafte Verbreitung von Informationen hatten, interessierte das Urheberrecht daher höchstens Experten.

Heute besitzen rund 75 Prozent der Haushalte in Deutschland einen Computer mit Internetzugang. Das Urheberrecht betrifft damit alleine in Deutschland fast 60 Millionen Menschen direkt. Gingen die Jugendlichen früher gegen Atomraketen oder für den Weltfrieden auf die Straße, protestieren sie heute für die freie Nutzung der Inhalte im Internet. Sie wollen das schützen, was ihnen als Ort der Entfaltung dient. Und sie sehen diesen Ort durch Gesetze aus einer längst vergangenen Zeit gefährdet - und durch neue Abkürzungs-Monster wie Sopa, Pipa, ACTA und seit neuestem Cispa.

Wer sich einen Eindruck davon verschaffen möchte, wie dieser Kulturraum aussieht und warum er so erbittert verteidigt wird, sollte einen der beiden populären Blog-Dienste Soup oder Tumblr besuchen. Dort tummeln sich jeden Tag Millionen von Nutzern - überwiegend Jugendliche. Auf den Blogs werden vor allem Bilder veröffentlicht - lustige, kuriose, interessante. Fast nie sind es die eigenen, fast immer stammen sie von irgendwo im Netz.

In den seltensten Fällen ist klar, wer der Urheber eines Bildes ist. Die Urheberrechtverletzung ist für einen Nutzer von Soup oder Tumblr immer nur einen Klick entfernt - denn mit einem Klick übernimmt er ein fremdes Bild in das eigene Blog - samt Hinweis auf das Blog, von dem das Bild übernommen wurde. Das macht den ganzen Zauber dieser Online-Dienste aus, denn so verbreiten sich die interessantesten und lustigsten Bilder in Windeseile unter den Nutzern. Die Urheber der Fotos stört das in der Regel nicht.

Das Problem: Tumblr und Soup wären bei einer konsequenten Durchsetzung des Urheberrechts oder des angelsächsischen Pendant Copyright tot - und niemandem wäre damit geholfen. Oft findet sich ein Hinweis auf dem Foto, in dem der Urheber des Bildes auf seine Website hinweist.  Er möchte, dass sich das Bild möglichst weit verbreitet, es stellt eine Anerkennung seines Werkes dar - und es ist kostenlose Werbung für die Website.

Kommentare zu " Urheberrecht im Netz: Generation Tauschbörse"

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  • Wieso sollte das etwas anderes sein? Das ist genau das was die Piraten und meisten Internetaktivisten fordern, Werke und deren Urheber schützen und gerecht entlohnen. Was die heutigen Regeln nicht unbedingt tun, denn sie schützen und entlohnen in erster Linie Verwerter und die wenige "Topkünstler".

  • Den Piraten und Netzaktivisten fehlt vollkommen die Reflexion ihres eigenen Denkens:
    Mal was von echten Profis? : http://mashable.com/2012/04/10/brain-internet-infographic/

  • @GhostOfDorian
    Ich "verbreite" schon seit Beginn des Netzes und weiß wovon ich rede.
    Wo steht denn das ich die Lizenz-Zahlungen der Urheber abschaffen will? Ich denke einfach, das eine Flatrate nichts einbringt, weil eben genau so die Autoren leer ausgehen werden, und die Asche in der Bürokratie verschwindet. Die GEMA hat Einnahmen, welche rund 64000 Mitglieder generieren. Theoretisch hätte dann jedes Mitglied rund 12000 €/Jahr. In Wahrheit werden 80% der Einnahmen für Klassik ausgeschüttet. Ich persönlich kaufe höchstens mal 1 DVD oder ein paar CD's im Jahr. Den Rest lasse ich mich durch GEZ und Werbung bedudeln. Ob mit oder ohne großen Überwachungsapparat, es wird nicht mehr verdient werden. Es ist einfach eine falsche Rechnung, ob man es nun "glauben" will oder nicht. Gute Künstler verdienen dann eben über Konzerte, Lesungen, Theater ihr Geld, na und? Arbeit schändet nicht, oder?
    Aber dem schiebt die Gema auch gerade einen Riegel vor, in dem sie Veranstalungen durch Berechnungen von Raumgrößen mit einem Kostenfaktor veranschlagt, den unbekannte Künstler kaum kalkulieren können.

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