Virtuelle Welt kommt in Verruf
Second Babel im Internet

Meldungen über Fälle von Kinderpornografie beim Onlinespiel „Second Life“ rufen die Justizbehörden auf den Plan. Wie verkommen ist die virtuelle Welt?

bn BERLIN. Second Life ist was für Gestörte. Vor etwa einem halben Jahr, als der große „Second Life“-Hype durch den Blätterwald rauschte, war so eine Aussage gefährlich. Wer lässt sich schon gerne sagen, dass er technologie- oder fortschrittsfeindlich sei? Dass er das ungeheure Potenzial der revolutionären Onlinewelt im Internet nicht mal ansatzweise versteht? Wenn sogar Marktforscher behaupten, dass der typische Second-Life-Nutzer intelligent, gebildet und wohlhabend sei? Nein, der Faszination, sich mit viel Phantasie und Kreativität online ein „zweites Leben“ zu schaffen, konnte sich kaum jemand entziehen. Schon gar nicht die Unternehmen, die zur Eröffnung einer Dependance in der virtuellen Welt verlockt wurden, um dort Kunden wieder zu treffen, die über alt hergebrachte Medienkanäle nicht mehr erreichbar schienen.

So manch ein Konzern wird sein Engagement inzwischen bereuen. Denn die bunte Onlinewelt ist zum Teil von Usern bevölkert, für die die Bezeichnung „verkommen“ noch Schmeichelei wäre. Meldungen über Fälle von Kinderpornografie beim Onlinespiel „Second Life“ haben jetzt die Veranstalter und die deutschen Justizbehörden aufgeschreckt. Nach einem entsprechenden Bericht des ARD-Magazins „Report Mainz“ leitete die Staatsanwaltschaft Halle ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt ein. Die „Second Life“- Betreiberfirma Linden Lab in San Francisco kündigte Schritte gegen die Urheber an.

Kinderpornographisches Angebot

Es soll sich um einen „Second-Life“-Spieler aus Deutschland handeln, der mit kinderpornografischen Aufnahmen gehandelt hat. „Wir werden versuchen, diese Person namhaft zu machen“, sagte Oberstaatsanwalt Peter Vogt von der Zentralstelle gegen Kinderpornografie bei der Staatsanwaltschaft Halle in „Report Mainz“. Weitere Aufnahmen des TV-Magazins belegen, wie Spieler in „Second Life“ virtuelle Kinder missbrauchen und vergewaltigen. „Mir fehlen einfach die Worte“, kommentierte Oberstaatsanwalt Vogt, „dieses Angebot ist ein kinderpornografisches Angebot“. Das virtuelle Abbild einer Kindesvergewaltigung sei laut dem Therapeuten Lutz-Ulrich Besser auch deshalb so unerträglich, da hinter jedem Avatar ein echter Mensch stecke.

In „Second Life“ ist es in der Tat einfach, seinen Avatar per Skript zu sexuellen Handlungen zu bewegen. Für Nutzer ohne Programmierkenntnisse stehen grafische Markierungen zur Verfügung, die schnellen Sex per Mausklick ermöglichen. Natürlich sieht Geschlechtsverkehr mit den bescheidenen graphischen Mitteln von „Second Life“ reichlich tumb aus. Doch unter Erwachsenen mag virtueller Sex gelegentlich – sprich: wenn die Ladezeiten nicht zu lang sind – lustig sein. Wenn Kinder ins Spiel kommen, muss der Spaß aufhören. Schon wegen der Minderjährigen, welche die virtuelle Welt für sich entdeckt haben.

Seite 1:

Second Babel im Internet

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%