Web-2.0-Plattform Digg
Anarchie im Netz

Acht Stunden dauerte diese Woche ein Kleinkrieg, der zur Schlacht wurde – und vielleicht bald ein Krieg ist.

DÜSSELDORF. Am Dienstagmittag, 13 Uhr US-Zeit, entfernte die Internet-Nachrichtenplattform Digg den Link zu einem Artikel darüber, wie DVDs mit hochauflösenden Filmen geknackt werden können. Acht Stunden später ist nicht nur dieser Link wieder da, sondern Hunderte andere zum Thema – und Digg vielleicht bald nicht mehr: Das Start-up aus dem Silicon Valley könnte zum Symbol dafür werden, welche Macht die Nutzer einer Plattform über deren Betreiber haben – bis hin zum geschäftlichen Exitus.

Auf Digg weisen über eine Million registrierter Nutzer die Leser auf interessante Artikel im Internet hin. Wer die verlinkten Artikel ebenfalls interessant findet, kann für sie stimmen – eine Art Hitparade der Nachrichten.

Die Firma ist eines der Vorzeigemodelle des Web 2.0, jener Welle von Start-ups, bei denen eine Gemeinschaft von Nutzern Inhalte und Problemlösungen schafft. In diesem Jahr schon will Digg, 2005 gegründet, schwarze Zahlen schreiben. Erwarteter Umsatz: drei Mill. Dollar.

Die Erfolgsgeschichte könnte bald zu Ende sein. Das Konsortium AACS, welches das Copyright an der DVD-Technik HD-DVD im Auftrag von Konzernen wie IBM und Microsoft verteidigt, verlangte von Digg, jenen Link auf den Artikel mit den Kopiertricks zu entfernen. Auch Google und das Online-Lexikon Wikipedia wurden aufgefordert, entsprechend zu reagieren.

Digg gehorchte. Denn ähnlich wie in Deutschland sind Verlinkungen auf Hinweise zu ungesetzlichen Inhalten auch in den USA nicht erlaubt. Doch die Digg-Gemeinde reagierte mit einem neuen Link. Auch der wurde entfernt. Noch ein Link. Wieder die Löschung. Hunderte Links tauchten auf, Tausende Stimmen wurden abgegeben. Um 21 Uhr kapitulierte Digg-Mitgründer Kevin Rose in seinem Weblog: „Ihr wollt Digg lieber kämpfend untergehen sehen, als dass ihr euch einem Großunternehmen beugt.“

Die AACS steht vor einer schweren Wahl: Will sie einen Rechtsstreit starten, der angesichts einer gewaltigen Schadensersatzforderung Digg ins Aus befördern würde? Der Hass der Internet-Community wäre ihr sicher. Auch im Ausland wird mancher ins Grübeln kommen. Dortige Digg-Kopien sind häufig bereits Töchter großer Medienhäuser. So ist in Deutschland das Start-up Webnews Teil der Holtzbrinck-Gruppe, zu der auch das Handelsblatt gehört.

Die Schadensersatzklage würde sich dann gegen die Muttergesellschaften richten. Und die Konzerne könnten es sich nicht leisten, so zu denken wie Digg-Gründer Rose: „Wenn wir verlieren, hol’s der Teufel! Zumindest sind wir gestorben bei dem Versuch zu gewinnen.“

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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