Weblog-Szene
Die Gelassenheit der Geschmähten

Die deutsche Weblog-Szene ist in der Realität angekommen. Gelassen und ihrer eigenen Bedeutung sicher, lassen Deutschlands Blogger die Jahre der Schmähungen hinter sich. Das neue Selbstbewusstsein zeigte sich auch auf dem jüngst stattfindenden Web-Kongress Re-Publica.

BERLIN. Auch die tief sitzende Baseball-Kappe nimmt Sascha Pallenberg nichts von seiner entwaffnenden Fröhlichkeit. Und wenn er dann seine Geschichte erzählt, ist der Gesprächspartner bass erstaunt. Der 37-jährige Dortmunder mit dem Holzfällerhemd und der lässig sitzenden Jeans arbeitete in einem Start-up nahe Boston, als er begann zu bloggen. Sein Thema waren die gerade aufkommenden Netbooks, jene Winz-Laptops, die für wenig Geld vor allem das mobile Surfen erlauben sollen: „Nach drei Monaten hatte mein Blog Netbooknews Einnahmen im fünfstelligen Bereich.“ Pallenberg kündigte. Sein neuer Beruf: Blogger.

Mit dieser Geschichte steht er wie kaum ein anderer für den Wandel in der deutschen Weblog-Szene. Vier Jahre lang von den klassischen Medien beschrieben als „Online-Tagebücher“, wahlweise geschmäht als größenwahnsinnig oder idiotisch, sind die Autoren gelassener geworden. Aus einem ungewöhnlichen Hobby ist eine Sphäre entstanden, die sich ihrer eigenen Bedeutung sicher ist.

Das zeigte sich auch vergangene Woche bei der Re-Publica, dem jährlichen Kongress, der aus der Blog-Szene heraus entstanden ist: Was als liebenswert-chaotischer Treff begann, ist in seiner dritten Ausgabe eine Großveranstaltung mit über 1 600 Teilnehmern und prominenten Rednern wie Wikipedia-Gründer Jimmy Wales oder Jura-Professor Lawrence Lessig.

„Der massenmediale Hype ist weg; Blogs haben ihren Platz gefunden“, sagt Jan Schmidt, Medienwissenschaftler beim Hamburger Hans-Bredow-Institut. Allerdings liege Deutschland verglichen mit anderen Ländern noch immer zurück: „Die Medienlandschaft ist hier relativ professionell, es gibt nicht das Gefühl, das etwas fehle.“

Die Medienkrise könnte das ändern, mancher sorgt sich um den Journalismus. Schon warnt Jakob Augstein, Herausgeber der Wochenzeitung „Freitag“: „Das Netz muss schnell erwachsen werden“ – um die Lücke zu füllen, die ums Überleben kämpfende Medien reißen könnten. Und „Zeit“-Redakteur Kai Biermann musste sich Kritik gefallen lassen, als er auf der Re-Publica einen Blogger, der Recherche im Politik-Journalismus vermisste, aufforderte, es doch als Chance zum Selbermachen aufzugreifen. Ironisch fragte jemand aus dem Publikum, wer denn die vierte Macht im Staat eigentlich sei.

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