Weblogs: Von Blick ins Blog

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Von Blick ins Blog

Eine Wahrsagerin versprach meiner Mutter einst, dass ihre älteste Tochter eines Tages durch ihr Hobby berühmt wird. Diese Aussage freute mich sehr. Bin ich doch zufällig die Erstgeborene meiner Familie.

HB BERLIN. Vor dem Ruhm stand jedoch noch lange Zeit ein Hindernis: Ich hatte kein Hobby. Jahrelang probierte ich verschiedenste Freizeitbetätigungen aus: Briefmarken sammeln, lesen, Wände anstarren, Milchkaffee trinken, einkaufen gehen. Alles keine Glanz und Glorie verheißenden Aktivitäten. Das ärgerte mich ein wenig.

Die einzige bekanntheitsverheißende Tätigkeit war zwischenzeitlich das Theaterspielen. Das musste ich auf Grund eines kleinen Unfalls jedoch schon früh an den Nagel hängen. Das kam so: In der Grundschule spielte ich einmal eine kleine Hexe. Hinter einer Wand musste ich Katzen, Bücher und Besen hervorzaubern. Kein Problem.

Doch weil ich so aufgeregt war, vergaß ich während der Aufführung, beim Aufsagen meines Zauberspruchs von der Wand wegzutreten. Mir fielen erst sieben Stoffkatzen, dann 13 Bücher und anschließend mehrere Reisigbesen auf den Kopf. Tapfer weinte ich meinen Text zu Ende. Als Hobby kam die Schauspielerei dann für mich nicht mehr in Frage.

Weniger gefährlich und dennoch aufmerksamkeitserweckend erschien mir das Geschichtenerzählen. Meine sizilianische Großmutter hat dafür ein besonderes Talent, welches traditionell von Generation zu Generation weitergegeben wird.

So sind meine Geschichten stets die absurdesten, da sie die Übertreibungen meiner Großmutter auch noch potenzieren mit der Weiterdrehe von Geschichten meines Vaters. So erzählte er mir einmal, eine entfernte Cousine sei gerade Mutter einer Tochter geworden. Prompt kaufte ich ihr einen Strampler. In Wirklichkeit war sie nur schwanger.

Bei kleinen Kindern wurde ich aber ein gern gehörter Unterhalter. Mit zunehmendem Alter wussten meine Opfer sich jedoch zu wehren. So empfahl man mir, die Geschichten schriftlich festzuhalten und erst viel später als Gesamtwerk vorzutragen.

Ich begann folglich vor Jahren, meine Alltagserlebnisse zu Papier zu bringen. Das Schreiben alleine wurde schnell langweilig, und so berichtete ich meinem geplagten Freundeskreis gerne mündlich von meinen phantastischen Erlebnissen. Augenrollend wurden sie zur Kenntnis genommen.

Die Wende kam, als ein Freund nach dem Studium nach Australien flüchtete. Um weiterhin Kontakt zum Rest der Welt halten zu können, trug er seine Erlebnisse in einem Weblog zusammen. Ein Logbuch, wie sie auch Kapitäne auf Schiffen führen müssen, darunter Kirk und Picard auf der Enterprise.

Ein Weblog (abgekürzt Blog) ist also ein Internet-Tagebuch. Die aktuellsten Einträge finden sich an oberster Stelle, ältere Einträge weiter unten. Blogs, die wie Zeitungskolumnen eine große Varianz an Themen des alltäglichen Lebens und Zeitgeschehens abdecken, stehen neben Fachblogs, die sich ausschließlich mit einem einzigen Thema beschäftigen, zum Beispiel http://www.wahlblog.de. Es ist möglich, unter die Beiträge eine Kommentarfunktion einzubauen. Viele Blogger nutzen diese Option, um mit anderen in Kontakt zu treten. Blogs dienen der Information, der Unterhaltung oder einfach nur der Selbstdarstellung. Sie reagieren sehr schnell auf aktuelle Ereignisse. Es gibt zahlreiche Anbieter, die das Redaktionssystem eines solchen Blogs kostenlos anbieten.

Dies ermöglicht ein Veröffentlichen von Texten ganz ohne jede Programmierkenntnisse. Mit mehr technischem Geschick lassen sich Seiten auch individuell gestalten, zum Beispiel mit Bildern, Videos, Tondokumenten und Verlinkungen auf andere Netzseiten.

Zunächst war ich entsetzt über die Idee, persönliche Erlebnisse der gesamten Menschheit öffentlich zugänglich zu machen. Einige Wochen später allerdings war ich einer der regelmäßigsten Leser des Blogs meines Bekannten.

Zudem war ich enttäuscht, wenn es nicht täglich Neues zu lesen gab. Wer sich in die persönliche Erlebniswelt einzelner Menschen erst mal eingelesen hat, die beteiligten Personen und die alltäglichen Probleme kennen gelernt hat, der verfällt schnell dem Suchteffekt, den man von Fernsehserien kennt.

So entschied ich mich, meine eigenen Geschichten in einem solchen Tagebuch festzuhalten. Denn das ist auch eine gute Gelegenheit für meine Freunde, meinen gelegentlich überschäumenden Enthusiasmus beim Schildern meiner Alltagserlebnisse händewedelnd mit den Worten: „Ja, ja das habe ich doch schon gelesen!“ zu stoppen.

Mein direktes Umfeld hat endlich Ruhe, und ich habe das Gefühl, trotzdem Gehör zu finden. Tag für Tag kann ich den Wahnsinn des Alltags, Probleme mit dem Älterwerden und halbseidenes Wissen zum Besten geben. Anhand der Kommentare bemerke ich, dass die Leserzahl stetig wächst.

Einige Leser, die eigene Blogs besitzen, verlinken mich auf ihren Seiten. Außerdem nominierte eine Leserin mein Blog für den Blog-Award der Onlineausgabe der „Zeit“. Und ich gewann in der Kategorie Leben/Vermischtes. Das erhöhte die Leserzahlen ebenfalls.

Im Sommer nahm ich an einer Blogtauschaktion teil, mit einem etablierten und bekannten Schreiber (Felix Schwenzel auf www.wirres.net), der täglich weit über 1 500 Leser hat. Der Tausch trieb meine Leserzahlen auf einen Höhepunkt.

Was macht das Bloggen so beliebt? Anders als in einem Buch sind die Geschichten am Ende nicht abgeschlossen, sondern es besteht die Möglichkeit einer Fortführung. Es passiert gelegentlich sogar, dass sich in dem Kommentarfeld der lustigere Eintrag findet.

Blogs bieten durch gegenseitige Verweise ein schier unendliches Informations- und Menschennetzwerk. Überall wird geholfen, recherchiert und diskutiert.

Nicht zuletzt ist ein Blog eine Plattform zur Selbstdarstellung. Das Bloggen stoppt nicht in der virtuellen Welt. Durch Blogs kann man sehr unkompliziert andere Menschen kennen lernen. Blogs bieten jedenfalls die fast unüberschaubare Vielfalt von zusätzlichen Nebenöffentlichkeiten. Zum Stichwort „Blog“ finden sich bei google.de allein 156 000 000 Treffer.

Bloggen hat auch andere positiveFolgen für die Autoren. Um genug Anregungen für Geschichten zu bekommen, wagen sich Blogger gerne auf skurrile Vernissagen, Veranstaltungen und Lesungen. Zudem lesen Blogger gängige Zeitungen und Magazine wieder mehr und hinterfragen sie kritisch, weil sie eine gute Grundlage bieten, um täglich neuen Stoff zum Schreiben zu erhalten.

Viele Blogger schreiben ohne Pseudonym. Das bietet ihnen die Möglichkeit, sich in bestimmten Fachthemen als Experten zu etablieren. Andere Autoren ziehen es vor, den bürgerlichen Namen nicht auf der Internetseite zu veröffentlichen. Sie tun dies, um ihre Privatsphäre zu schützen, da sie mitunter tiefe Einblicke in ihren Alltag oder ihr Seelenleben gewähren.

Was die Anonymität angeht, gehe ich einen Mittelweg. Mit der steigenden Leserzahl wird es schwierig, völlig unerkannt zu bleiben.

Die Erfahrung anderer Blogger zeigt, dass man bei dem Veröffentlichen von Texten jedoch vorsichtig sein muss. Deswegen empfiehlt es sich, beispielsweise nie über den Arbeitgeber zu schreiben.

Die Trennung zwischen meinem Alltagsleben und meinem Hobby, dem Bloggen, ist wichtig, weil es vorkommt, dass Leser annehmen, alles, was ich schreibe, sei wahr. Oder sie erkennen nicht, dass ich ironisch war, und nehmen das Geschriebene für bare Münze. „Ironie versteht der Leser nicht“, heißt’s in Redaktionen.

Ich erwische mich deshalb gelegentlich, wenn ich in der Schlange einer Kasse stehe, dass ich nachdenke, ob mein Gegenüber, welches mich gerade anstarrt, mich als die Schreiberin meines Blogs erkannt hat. Und nun selbst darüber grübelt, ob ich wirklich im Karneval als Schweinebraten verkleidet durch die Straßen Berlins laufe.

Ob die Wahrsagerin das mit Berühmtwerden gemeint hatte?

Weblog der Autorin: http://www.dasnuf.blogspot.com.

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Auch das Handelsblatt bietet Weblogs. Sie können schnell angeklickt werden rechts unten auf der Seite: http://www.handelsblatt.com.

Darin schildern Handelsblatt-Korrespondenten aus aller Welt ihre Erlebnisse abseits der üblichen Berichterstattung unter: http://www.handelsblatt.com/global-reporting.

Andere Redakteure des Handelsblatts wie Thomas Knüwer („Indiskretion Ehrensache“) und Frank Wiebe sowie die Volontäre der Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalismus finden sich unter: http://www.handelsblatt.com/weblogs.

Ein Handelsblatt-Dossier beschäftigt sich mit der Frage, wie viele Blogs es überhaupt gibt, bietet ein Glossar der wichtigsten Fachbegriffe, beschreibt, wie Dax-Unternehmen auf private Blogs reagieren, wie Firmen Blogs selbst erstellen und ob man sein privates Blog erfolgreich vermarkten kann. Das Dossier findet sich unter: http://www.handelsblatt.com/blogs.

WEBLOG Preis 2005

Handelsblatt.com unterstützt auch „The Best of Blogs (BOB)s 2005“. Weit über 2 500 Kandidaten wurden für den Preis der Deutschen Welle vorgeschlagen. Die Gewinner in den Sprachen Arabisch, Chinesisch, Englisch, Französisch, Deutsch, Persisch, Portugiesisch, Russisch und Spanisch stehen jetzt fest. Der Gesamtsieger der Jury ist das spanischsprachige Weblog „Mehr Respekt, ich bin deine Mutter“. Den Publikumspreis der Internauten erhält das brasilianische Blog „Tupiniquim“. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ vergab einen Sonderpreis für das ägyptische Blog „Manal and Alaa’s Bit Bucket“, das auf Englisch und Arabisch schreibt. http://www.thebobs.de.

Was ist ein Blog? Grundlegende Texte zur Frage, was ein Blog ist, finden sich auch unter:

http://www.wikipedia.org/wiki/Blog.

Anbieter von Weblogs:

http://www.blog.de.

http://www.blogg.de.

http://www.blogger.de.

http://www.blogger.com.

http://www.antville.org.

http://www.20six.com.

Blog-Suchmaschinen:

http://www.blogstats.de. (kurzzeitig nur auf Sparflamme)

http://www.technorati.com.

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