Wider den rauen Ton im Netz
Wie sich ein Shitstorm von innen anfühlt

Wegen eines Kommentars über den „Gaucho-Tanz“ der deutschen Nationalelf wurde Alexander Möthe im Netz angepöbelt und beleidigt. Im Interview erzählt der Autor, wie es sich anfühlt, mitten in einen Shitstorm zu geraten.
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Alex, vor ein paar Wochen bist Du für einen Kommentar, den Du über den „Gaucho-Tanz“ der deutschen Nationalelf geschrieben hattest, im Netz ziemlich angegangen worden. Beschreib doch nochmal, wie das genau war.
Es ist schwer, das abzukürzen. Die geraffte Fassung: Die mehr als sechs Wochen, in denen ich von Düsseldorf aus das WM-Special von Handelsblatt Online koordiniert habe, gipfelten im jetzt schon legendären Finalabend und dem Titelgewinn. Es gab Nächte, in denen hat das Team bis vier Uhr morgens in der Redaktion gesessen, jedes Spiel begleitet. Ich bin Journalist, aber auch Fan und muss den Spagat zwischen Information und Emotion schaffen. Am Tag des Empfangs kam ich mit breitem Grinsen in die Redaktion, verfolgte die Feier im TV. Sachliche Kritik an der Inszenierung hatte ich zunächst in einem Artikel über den Vermarktungsaspekt verarbeitet. Nach dem sogenannten Gaucho-Tanz war die gute WM-Laune bei mir aber schlichtweg dahin. Meinem Missfallen habe ich in einem Kommentar, also einem starken Meinungsbeitrag, Ausdruck verliehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits an anderer Stelle, mit anderen Nutzern bei Facebook versucht, eine sachliche Debatte zu führen, was leider gründlich misslang. Montagabend stellte ich also meinen Kommentar online. Das ist mein Job und, soviel Selbstvertrauen muss sein, als zuständiger Leiter des WM-Specials auch mein gutes Recht. Auf Handelsblatt Online wurde von Beginn an unter dem Kommentar diskutiert, ich habe die Diskussion sachlich mitgeführt. Der Ton war insgesamt der Diskussion angemessen, die Debatte kam ohne persönliche Angriffe aus. Der Spaß begann dann am Dienstagmorgen.

Aha, was ist da geschehen?
Der Kommentar wurde auf der Facebook-Seite des Handelsblatts gepostet. Als Debattenbeitrag, schließlich hatte sich „Gauchogate“ zu einem beherrschenden Thema in den sozialen Medien entwickelt. Es wurde jedoch nicht als solcher wahrgenommen. Zwei Vorwürfe fanden sich immer wieder: Man inszeniere sich als „Gutmensch“ und man sei auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Auf Facebook fanden sich bald Hunderte Kommentare zum Post. Der Artikel selbst wurde in der Zwischenzeit über 2000 Mal bei Facebook empfohlen. Der Großteil der Reaktionen war negativ, was kein Problem darstellt. Ich äußere meine Meinung, der Leser äußert seine Meinung. Das Problem waren persönliche Anfeindungen, Drohungen, Beleidigungen, die ausschließlich in den Kommentaren unter dem Facebook-Post stattfanden.

Du also mitten im Auge des Shitstorms. Wie fühlt sich das an?
Wenn man es das erste Mal erlebt, überwältigend schlecht. Als Journalist tritt man täglich an die Öffentlichkeit und natürlich sind einem positive Reaktionen immer am liebsten. Aber auch Kritik, negatives Feedback gehören dazu und bereichern auch den kritischen Umgang mit Themenkomplexen. Aber das war anders, weil hier nicht der Text kritisiert wurde, ja, der Text vielfach nicht einmal gelesen wurde, bevor ich nicht nur als Journalist, sondern auch als als Privatperson angegangen wurde. Das Gefühl, dass einem im Gegenzug für die freie Meinungsäußerung die Kündigung gewünscht wird, aber auch die körperliche Unversehrtheit und sogar das soziale Umfeld indirekt bedroht werden – das wünsche ich wirklich niemandem.

 

Wie bist Du konkret damit umgegangen? Tat’s arg weh?
Man muss sich vor allem zwingen, selbst nicht im Affekt, überemotional zu reagieren. Soll ich jemanden, der mich nicht kennt, der sich nicht mit meiner Arbeit auseinandergesetzt hat, mich aber „Arschloch“ nennt, ein „selber Arschloch“ entgegensetzen? Ich kenne die Kommentatoren ja ebenfalls nicht. Ich maße mir kein Urteil über sozialen Hintergrund, Bildungsgrad, politische Einstellung an, nicht nur, weil mir die Informationen dazu fehlen. Aber zum Kern der Frage: Natürlich tut es weh, wenn die Arbeit unsachlich kritisiert wird. Und natürlich tut es weh, wenn man ohne jeden Zusammenhang persönlich beleidigt wird. Aber man lernt eben auch schnell zu erkennen, wer sich wirklich mit dem Gegenstand, also dem Kommentar, auseinandergesetzt hat. Und entsprechend lernt man, den Großteil der Kommentare über sich hinweg rollen zu lassen.

 

Hand aufs Herz – was hättest Du den Hatern am liebsten wirklich gesagt?
Das, was ich ihnen gesagt habe: Lesen Sie den Text. Und dann lassen Sie uns über den Text reden. Aber lassen Sie meine Persönlichkeit, meinen Werdegang und meine Eignung aus dem Spiel.  Denn das können Sie weder beurteilen noch beeinflussen.  Ich habe auf meiner eigenen Facebook-Seite zur ergebnisoffenen Diskussion aufgerufen. Ich habe offen geantwortet, auch im Kommentarteil unter dem Artikel selbst. Dieses Angebot nahm nicht einmal ein Bruchteil wahr. Übrigens erreichte mich genau eine einzige E-Mail. Inhalt? Lob und Zuspruch.

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Den Medien zeigen, was eine Harke ist

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  • Lieber Herr Möthe,

    ich glaube Sie haben immer noch nicht verstanden was eigentlich passiert ist.

    Es geht darum, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der uns dauernd ein schlechtes Gewissen eingeredet wird, weil wir Deutsche sind, weil wir Fleisch essen, weil wir rauchen, weil wir die Umwelt verschmutzen, weil wir es doof finden, nicht mehr Zigeunerschnitzel sagen zu dürfen, weil wir kurz gesagt, wo auch immer wir uns hindrehen, von oben herab erzogen, zurechtgestutzt und ermahnt werden, auf eine bestimmte Art nicht zu handeln oder zu sprechen.

    Diese Bevormundung geht sogar so weit, dass uns gesagt wird, wie wir richtig zu denken und zu fühlen hätten. Und das geht einfach zu weit. Das hat nichts mehr mit Demokratie zu tun.

    Wie kommt irgend jemand dazu einem anderen Menschen oberlehrerhaft und mit erhobenem Zeigefinger zu sagen, wie dieser sich richtig zu freuen hätte?

    Stellen Sie sich einmal vor, Sie sitzen im Kino und lachen total schräg und dann tippt Ihnen einer von hinten auf die Schulter und sagt ganz ernst: "so macht man das aber nicht. Statt einem lauten "ha, ha, ha" schlage ich Ihnen ein etwas leiseres "ho,ho, ho" vor."

    Und genau das haben Sie getan. Sie haben den Fußballern in ihrer größten Freude gesagt, wie sie sich richtig zu freuen hätten.

    Und das geht einfach nicht. Sie haben sich in dieser Situation wie ein Miesepeter und Spielverderber verhalten.

    Und weil die Menschen schon die Nase voll haben, wegen all den anderen politisch korrekten Geboten und Verboten, haben sie all ihre aufgestaute Wut über Sie (den sie als einen politisch korrekten Denkpolizisten empfinden) ergossen.

    Anstatt sich also in Ihren Elfenbeinturm zu verkriechen, ihre Wunden zu lecken und anzudeuten, die Menschen seien unhöflich und rauh (und sollten sich wieder einmal verändern!!!), sollten Sie lieber damit aufhören, andere Menschen wie kleine Kinder zu behandeln.
    Dann werden sie Ihnen ratz-fatz wieder wohlgesonnen sein.

  • Sie stehen mit dem shitstorm wegen dem Gaucho Song also nicht allein da. Sie haben nur in das Hoheitsgebiet des Leser gestochen: sie haben ein Meinungsbild erzeugt, bevor es in der Gesellschaft entstehen konnte. Auch haben sie ihr eigenes (journalistische) Hoheitsgebiet verlassen, wenn sie sagen, dass sie ihre Meinung hätten und der Leser hätte seine. Und das dürfe, ihrer Ansicht nach, kein Problem sein. Ist es aber.

    Entweder sie kanalisieren eine Meinung, die bereits besteht. Oder sie fügen dem entstanden Kanon eine neue Meinung hinzu. Fügen sie eine weitere Meinung hinzu, sagen sie dem einem Teil der Leserschaft, dass sie etwas nicht berücksichtigt habe und dem anderen Teil dass er gänzlich falsch liegt. Die Folge ist, dass sie sich über die bestehenden Meinungen erheben. Dadurch verursachen sie natürlich beim Publikum entsprechende Gegenreaktionen. Die Leute laufen nicht weg, sie lesen weiter. Es ist eben nur so, dass sie sie aufgescheucht haben. Und dann ernetn sie das, was als erstes heraus kommt: schlechter Atem...oder shitstorm, wie sie sagen.

    Sie sind nur schlecht stabilisiert und sie haben noch nicht sorichtig heraus gefunden, was da eigentlich passiert. Ich kann ihnen sagen, dass sie Leser verlieren werden, wenn sie sich gegen die bestehenden Meinungen stellen, indem sie neue hinzu geben. Aber sie werden neue Leser haben. Manchmal sind es sogar die alten, aber eben mit einer anderen Meinung.

    Sie haben dort selbst falsch reagiert, wo die Leute falsch reagieren. SIie werden mit dem shitstorm leben müssen. Sie erfahren eben, historisch bedingt, neben dem gesellschaftlichen Druck von Oben, auch noch einen gesellschaftlichen Druck von "Unten". Und der Druck von Unten klingt eben so. Wenn sie die Menschen umerziehen wollen, dann braucht der Rest ihres Teams bald einen neuen Verleger mit Verlagshaus. Den "Pöbel" gibt es schon sehr lange, was unschwer am Namen zu erkennen ist.
    Sie werden sich also damit abfinden müssen, dass es soetwas wie shitstorm gibt.3/3

  • Diese herrschende Schicht hatte im Grunde nichts gegen die Meinung seiner Untertanen und so wurden Freiheiten eingeräumt, wenn auch mit starker Zensur. Der Druck in der Gesellschaft ließnicht nach. Und so bahnte sich neben den zahlreichen Revolutionen eben auch die Pressefreiheit und die damit einhergehende Meinungsfreiheit.

    Was sie mit dem shitstorm erleben ist das, was im alltäglichen Leben derjenigen Herren und Damen passiert, die aufsteigen. Sie sehen sich den Zwängen der Oberschichten ausgestzt (bestehender juristischer und ökonomischer Ordnungsrahmen; Normen und Gesetze des Marktes). Sie mussten sich als Medien nie mit den Problemen der Unterschichten kümmern. Alle gesellschaftlichen Strömungen diesbezüglich wurden in die Parlamente geleitet, die ihren Namen dieser Entwicklung ja auch verdanken. Aber die Presse? Erst seit Gerhard Schröder sind Themen aus der Gesellschaft, wie der wirtschaftliche Zerfall, der ausbleibende Infratstrukturausbau und die Erneuerung dessen, was bereits besteht, in die Zeitungen und in die Medien gelangt. Es gab soetwas wie einen Reformbedarf. Und dieser liegt völlig außerhalb dessen, was die Presse verkünden will. Sie will Erfolge verkünden und den moralischen Zeigfinger heben, wo sie es angemessen findet. Man kann an der Haltung der Medien auch sehr gut ablesen, worum es bislang gegangen ist: Erfolgsnachrichten aus Wissenschaft und Wirtschaft und daneben die Wirtschaftserfolge.

    Heute sehen sie sich als Medien selbst am Rande von Nachrichten. So wird getwittert, gepostet und komentiert. Die Medien spielen in ihrer Rolle als Vermittler von Sensation und Erfolg ins Abseits gedrängt und müssen dabei zuschauen, wie sich die Leute von heute ohne Journalisten und Publizisten ein Morgen ohne Sorgen gestalten. Und da ist jede Kritik unangemessen.

    Kurz gesagt, mit ihrer Meinung und ihren medialen Auftritten stehen die "alten Medien" ziemlich allein da.

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