Wikileaks-Vorläufer
Die Wurzeln der Cyber-Rebellion

Das Wikileaks-Prinzip ist nicht neu: Schon seit Mitte der Neunziger veröffentlichen Internet-Aktivisten als geheim klassifizierte staatliche Dokumente im Netz. Sie folgen dabei einer Ideologie, die sich gegen Staat und Autoritäten wendet. Wer Wikileaks verstehen will, muss die Geschichte dieser Ideologie kennen.
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DÜSSELDORF. "Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes" rief der Cyber-Aktivist John Perry Barlow den Mächtigen der Welt 1996 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zu. "Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Lasst uns in Ruhe!", führte er in seiner "Unabhängigkeiterklärung des Cyberspace" aus. "Ihr seid bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr."

Die pathetischen Worte Barlows waren Ausdruck des Selbstverständnisses einer mit der Ausbreitung des Internets neu entstandenen technischen Elite, die sich jeden Einfluss des Staates auf ihre Sphäre - den Cyberspace - verbat. Technische Standards wurden im Internet in offenen Diskussionen ("Request for Comments") entwickelt und Regeln (die "Netiquette") galten als Empfehlungen. Im dezentralen Netz gab es keine zentrale Autorität und damit auch keine Zensur. Dieses technische Prinzip wurde von den "Bewohnern" des Internets zum Ideal erhoben.

Zentrale Anlaufstelle für Staatsverrat

Die von Barlow ausgerufene staatskritische Ideologie fand schnell ihren Niederschlag in zahlreichen Webseiten, die sich der Informationsfreiheit verpflichtet fühlten. Eine der wichtigsten ist bis heute die 1996 gegründete Website Cryptome - eine Art zentrale Anlaufstelle für Staatsverrat. Auf der Website wurden über die Jahre zahlreiche als geheim klassifizierte staatliche Dokumente veröffentlicht.

"Cryptome heißt die Veröffentlichung sämtlicher Dokumente gut, die von irgendeiner Regierung auf der Welt unter Verschluss gehalten werden", heißt es auf der Website. Seit der Gründung wurden über 54 000 Dokumente veröffentlicht, darunter britische Geheimakten mit Namen von Mitarbeitern des britischen Geheimdienstes MI6 sowie zahlreiche Fotos von getöteten US-Soldaten im Irak. Anders als Wikileaks werden die auf Cryptome veröffentlichten Informationen allerdings nicht geprüft, wodurch sich auch immer wieder Material mit zweifelhafter Glaubwürdigkeit auf der Plattform findet - zuletzt beispielsweise Dokumente, die Wikileaks in die Nähe von Geheimdiensten rückten.

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  • Vollkommen richtig, Felix Adam.
    Schade, dass das Handelsblatt nicht mal courage zeigt und ein Plädoye für die Veröffentlichung von wirklich öffentlichkeitsrelevantem Material befürwortet und sich selbst an der Aufarbeitung akitiv beteiligt.

  • Guten Tag,.... ich habe im Verlaufe meines Lebens gelernt dass jede information relativ ist. Sie ist nicht mehr und nicht weniger als ein Zeitungsartikel;.... ein Foto, .... eine Web Seite. Jeder mag selbst beurteilen ob er sie verwerten kann oder ob sie nur eine Neuigkeit unter vielen ist. beim besten Willen verstehe ich noch immer nicht woher die ganze Aufregung kommt. Jeder weiss dass die Welt aus lauter Drecksaecken besteht. Fast jeder gehoerte irgendwann auch wenigstens Zeitweise zu selbigen. besten Dank

  • Wer ist hier der Verräter?
    Es ist bedauerlich, dass Handelsblatt die Aktivitäten als "Staatverrat" bezeichnet. Wir erleben täglich neu, dass Regierungen und Wirtschaft Verrat an ihren bürgern begehen, ohne dafür wirksam bestraft zu werden.
    Die wahren Verräter sind diejenigen, Kriege anzetteln, die sie mit Lügen gegründen und die deren Verlauf und Grausamkeit ebenfalls durch Lügen zu verschleiern suchen. Verräter sind diejenigen, die das Versagen der Finanzwirtschaft auf Kosten der Steuerzahler kompensieren. Verräter sind diejenigen, die uns vormachen, Hilfe für irland, sei Hilfe für den Staat. Tatsächlich handelt es sich um eine Rettung irländischer banken auf Kosten der Steuerzahler und Sozialbedürftigen. Verräter sind die, die nicht nur an riskanten Krediten für irland, sondern auch noch an deren Rettung vor dem bankenkrach verdienen, indem sie schnell noch irische Papiere kaufen, da der "Rettungsschirm" die Zinseinkünfte sichert.

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