Wirtschaftsspionage: Ohne Spuren

Wirtschaftsspionage
Ohne Spuren

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Das eigene weltumspannende Firmennetz entwickelt sich so zum Sicherheitsrisiko. Jedes Netzwerk existiert nur virtuell. Das heißt: Es besteht aus vielen kleinen Versatzstücken verschiedener Netzbetreiber im In- und Ausland und reicht sogar bis in sogenannte „risikobehaftete Länder" wie China und Russland, von denen man ahnt, dass sie mehr als nur einen Blick auf alle die Grenze passierenden Daten werfen. Doch welcher Netzbetreiber enge Kontakte zu den Geheimdiensten pflegt und ihnen Hintertüren öffnet, lässt sich nicht mehr nachhalten. „Das ist heute nicht mehr einsehbar", sagt Brose.

Wie groß die Gefahren sind, zeigen die täglichen Attacken auf die Bundesregierung. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Betreiber des regierungseigenen Informationsverbundes Berlin-Bonn (IVBB) mit rund 40 000 angeschlossenen Beamten-PCs, registrierte noch nie so viele Angriffe wie in diesem Jahr. Über zehn Prozent aller E-Mails sind mit Computerviren und Phishing-Programmen verseucht, die Dateien zerstören oder den Beamten zur Herausgabe von PIN-Codes und anderen persönlichen Daten verleiten sollen.

Immer öfter prallen auch Spionageprogramme, sogenannte Spyware, an den speziell errichteten Schutzwällen des BSI ab. Diese Programme sammeln ohne Wissen der Computerbesitzer Informationen und geben sie weiter. Spyware kann beispielsweise Tastaturanschläge mitschreiben, Screenshots anfertigen und E-Mails mitlesen, ohne dass der Nutzer es merkt. „Die Angreifer sind gut organisierte Kriminelle, die immer professioneller vorgehen", sagt BSI-Präsident Udo Helmbrecht.

Deutsche Unternehmen und Politiker im „Dornröschenschlaf"

Die Industrie muss solche Attacken alleine abwehren. Denn in Deutschland gilt immer noch der Grundsatz: Die Wirtschaft schützt sich selbst. Für die Unternehmen hat das verheerende Folgen. Der Bundesnachrichtendienst (BND), für die Auslandsaufklärung zuständig, darf Informationen nicht an die Unternehmen weitergeben. Und das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), zuständig für die Spionageabwehr, darf nur einschreiten, wenn ausländische Nachrichtendienste in Deutschland aktiv werden. Für diese Aufgabe hat das BfV gerade mal zwei Planstellen besetzt.

Tibor Herczeg, Chef des Verbandes für Sicherheit in der Wirtschaft in Niedersachsen, dem unter anderem Airbus und Volkswagen angehören, will deshalb deutsche Unternehmen und Politiker aus ihrem „Dornröschenschlaf" wachrütteln: „Dürfen wir nicht, können wir nicht oder sollen wir nicht das tun, was andere schon lange machen - nämlich die eigenen Interessen schützen und vorantreiben?"

Auch Sicherheitschefs wie Menk sehen schnellen Handlungsbedarf. „Eine mangelnde Kooperation zwischen Wirtschaft und Sicherheitsbehörden kann sich keine Industrienation mehr leisten", fordert der ASW-Chef. „Der sicherheitsbezogene Informationsaustausch zwischen Wirtschaft und Staat kann optimiert werden." Doch bislang wurden Verbesserungsvorschläge von der Bundesregierung abgeschmettert. Der ehemalige BND-Chef August Hanning, heute Staatssekretär im Bundesinnenministerium, war bei der rot-grünen Bundesregierung mit seinem Vorstoß gescheitert, BND-Mitarbeiter in das Wirtschaftsministerium zu entsenden, um die Zusammenarbeit zu verbessern.

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