Allgegenwärtige Substanz
Streit um Industriechemikalie BPA

Die Substanz ist fast allgegenwärtig: Als Grundstoff für Polykarbonat-Kunststoffe und Kunstharze zählt Bisphenol A zu den wichtigsten Industriechemikalien. Doch über mögliche Gesundheitsgefahren des Stoffs, der sich unter anderem in CD-Hüllen, Zahnfüllungen und Plastikflaschen findet, tobt ein erbitterter Forscherstreit.

ap FRANKFURT/MAIN. Bisphenol A steckt in Baumaterialien und Autoteilen, CD-Hüllen und Zahnfüllungen, Dosen und Plastikflaschen. Erbittert streiten Forscher darüber, ob der Stoff, der ähnlich wirkt wie das weibliche Sexualhormon Östrogen, die Gesundheit gefährdet. Während die meisten Wissenschaftler Risiken befürchten, hält die europäische Lebensbehördemittel EFSA die Chemikalie für unbedenklich.

Als Grundstoff für Polykarbonat-Kunststoffe und Kunstharze zählt Bisphenol A (BPA) zu den wichtigsten Industriechemikalien. Die Herstellerfirmen produzieren davon jährlich Millionen Tonnen mit einem Jahresumsatz in Milliardenhöhe. Aber Spuren des Stoffes entweichen, gelangen etwa aus Verpackungen in Lebensmittel und so in den menschlichen Organismus. In einer Studie an 2 500 Personen fanden Forscher der US-Gesundheitsbehörden BPA im Urin von fast 93 Prozent der Teilnehmer. Die höchsten Werte registrierten sie bei Frauen und Kindern.

Ob die hormonell aktive Substanz in den gefundenen Konzentrationen Schäden anrichten kann, darüber diskutieren Vertreter von Forschung, Behörden und Wirtschaft seit Jahren. "Es gibt eindeutige Hinweise darauf, dass erhebliche Mengen im Körper ankommen", sagt Andreas Gies vom Umweltbundesamt. "Eine Gefährdung kann man nicht ausschließen."

Die auf Tierversuchen basierende Studienlage ist geteilt: Während alle Industrie-finanzierten Untersuchungen keinerlei Grund zur Sorge sehen, kommen die weitaus meisten unabhängigen Studien zum gegenteiligen Befund. Demnach können schon geringe Mengen BPA unter anderem die Entwicklung der Geschlechtsorgane oder des Nervensystems stören. Gefährdet seien vor allem ungeborene Kinder, sagt Gilbert Schönfelder von der Universität Würzburg. "Der heranwachsende Organismus reagiert besonders empfindlich auf Hormone."

Der Toxikologe wies schon vor Jahren nach, dass Schwangere Bisphenol A an ihr Kind weitergeben. Allein in diesem Jahr haben zwei weitere Forscherteams aus den USA und Südkorea die Ergebnisse von Schönfelder in Fachzeitschriften bestätigt. "Dabei wurden Konzentrationen gefunden, die in Tierstudien zu Schäden führen", betont Schönfelder. Die kanadische Regierung kündigte im April ein Verbot von Babyflaschen aus Polykarbonat an.

Solche Bedenken lassen die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) kalt. Diese hatte Anfang 2007 den Wert für die tägliche akzeptable Aufnahmemenge (TDI) noch um das Fünffache von zehn auf 50 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht angehoben. Und in einer kürzlich veröffentlichten Erklärung schreibt die EFSA, "dass die Exposition menschlicher Föten gegenüber BPA zu vernachlässigen sei, da BPA im Körper der Mutter rasch abgebaut und ausgeschieden wird". Auch Neugeborene könnten die Chemikalie in ausreichendem Maße abbauen, heißt es weiter.

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