Antibiotika-Resistenzen

„Globale Gesundheitskrise“

Immer öfter bleiben Antibiotika wirkungslos, weil Bakterien resistent werden. Therapien werden dadurch schwieriger, Kosten steigen, aber vor allem: mehr Patienten sterben. Die WHO will gegensteuern.
Ein pulverförmiges Medikament: Immer mehr Menschen weisen Resistenzen gegen Medikamente, insbesondere Antibiotika auf. Quelle: dpa
Viel hilft viel?

Ein pulverförmiges Medikament: Immer mehr Menschen weisen Resistenzen gegen Medikamente, insbesondere Antibiotika auf.

(Foto: dpa)

GenfDie Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat zum stärkeren Kampf gegen die Antibiotika-Resistenz von Bakterien aufgerufen. Jedes Jahr sterben laut WHO rund 700 000 Menschen, weil Antibiotika gegen bestimmte Bakterien nicht mehr wirken - allein in Deutschland sind es mindestens 10.000. „Die zunehmende Antibiotika-Resistenz ist eine globale Gesundheitskrise“, erklärte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan am Montag. „Sie erreicht in allen Teilen der Welt ein gefährliches Ausmaß.“

Die Regierungen würden aber inzwischen verstehen, dass der Kampf gegen die Antibiotika-Resistenz „eine der größten Herausforderungen für das Gesundheitswesen ist“, sagte Chan zum Auftakt der ersten weltweiten Antibiotika-Woche, die vom 16. bis zum 22. November unter dem Motto „Vorsicht beim Umgang mit Antibiotika“ stattfindet. „Resistenz gefährdet unsere Fähigkeit, Infektionskrankheiten zu behandeln und untergräbt zahlreiche medizinische Fortschritte.“

Die hartnäckigsten Gesundheitsmythen
Nase hochziehen ist gefährlich
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Im Volksmund heißt es häufig, Schleim durch die Nase hochzuziehen sei nicht nur unhöflich und unappetitlich, sondern zudem auch gefährlich, da der Schleim sich in den Nasennebenhöhlen einniste. Mediziner Carsten Lekutat widerlegt diese Behauptung ganz klar: nicht das Hochziehen des Schleims, sondern zu kräftiges Schnäuzen birgt Gefahren. Denn der dabei entstehende Druck leitet den Schleim aus der Nase im schlimmsten Fall in die Nebenhöhlen oder durch einen Kanal im Nasen-Rachen-Raum ins Mittelohr. Auch wenn das Naseputzen wohl manierlicher ist, gesünder ist es nicht.

Carsten Lekutat ist Arzt und hat das Buch "Halbwahrheiten der Medizin" geschrieben.

Ungerades Sitzen ist schlecht für den Rücken
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Diese Volksweisheit ist nicht wahr. Nicht striktes gerades Sitzen, sondern dynamisches Sitzen ist entlastend für den Rücken. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass entgegen der landläufigen Meinung eine um 135 Grad nach hinten geneigte Rückenlehne optimal für den Rücken ist, da die Bandscheiben in dieser Position am meisten geschont werden. Genauso wichtig für die Funktionstüchtigkeit der Gelenke ist allerdings konstante Bewegung, um für die nötige Durchblutung des Knorpel- und Bandscheibengewebes zu sorgen.

Zähne putzen nach dem Essen beugt Karies vor
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Eine landläufige Meinung besagt: „Nach dem Essen das Zähneputzen nicht vergessen!“ Naheliegend ist dies allemal, da sich in harten Zahnbelägen Karies auslösende Bakterien in Hülle und Fülle tummeln. Über die Nahrung aufgenommene Kohlenhydrate werden in Säuren umgewandelt und greifen den Zahn an. Doch laut Dr. Carsten Lekutat ist das sofortige Zähneputzen nach der Nahrungsaufnahme kontraproduktiv. „Wenn wir direkt nach dem Essen munter drauflos schrubben, zerstören wir also mit unserer Zahnbürste nicht die Kariesbakterien, sondern den Zahnschmelz, die wichtigste Schutzschicht der Zähne“, erklärt der Mediziner. Nach einer Mahlzeit sollte man sich also auf den Speichel als natürlichen Bakterienschutz verlassen und frühestens eine halbe Stunde später – wenn die Säure neutralisiert ist - zur Zahnbürste greifen.

Bei grünem Nasenschleim muss ein Antibiotikum her
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Dass man das Ausmaß von Atemwegserkrankungen wie Nasennebenhöhlenentzündungen an der Farbe des Nasenschleims erkennt, ist nichts weiter als ein Mythos. Wie eine britische Studie belegt, wurde bei derartigem Schleim zwar deutlich häufiger ein Antibiotikum verschrieben als bei klarem Ausfluss. Die Art der Erkrankung zeigt dieser jedoch nicht an, da er laut Lekutat sowohl bei bakteriellen als auch viralen Entzünden auftritt.

Außerdem trat eine Besserung der Symptome – unabhängig ob Gabe von Antibiotikum oder nicht – immer nach sieben Tagen ein. Über die Notwendigkeit einer Behandlung mit Antibiotikum sagt die Verfärbung also nichts aus. Die meisten Entzündungen klingen ohne ärztliche Therapie nach wenigen Tagen von alleine ab.

Fingerknacken verursacht Gelenkbeschwerden und Rheuma
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Das Knacken mit den Fingern wird als gefährlich deklariert. Ein weit verbreiteter Mythos besagt, es rufe Gelenkbeschwerden oder gar Rheuma hervor. Ganz ungefährlich ist das Knacken zwar nicht, denn es kann Schwellungen am Finger hervorrufen und die Kraft in den Händen verringern. Schädlich für die Gelenke ist das nervöse Zerdrücken der Finger jedoch auch nicht. Zu diesem Ergebnis kamen die Wissenschaftler Castellanos und Axelrod in einer 1990 veröffentlichten wissenschaftlichen Studie.

Chirotherapeuten setzen es sogar als Behandlungsmethode gezielt ein, um Blockaden zu lösen, die durch untrainierte Gelenke entstehen. Fingerknacken sorgt also allenfalls für kurzweilige Schwellungen oder kraftlose Hände, nicht aber für rheumaartige Beschwerden. Wer das Knacken als Mittel zum Stressabbau betreibt, kann und sollte aber definitiv auf gesundheitsfördernde Maßnahmen wie zum Beispiel Autogenes Training oder Yoga zurückgreifen.

Ein Schnaps nach dem Essen regt die Verdauung an
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Dieser Glaube zählt zu den bekanntesten Gesundheitsmythen. Fakt ist jedoch: Alkohol hemmt die Verdauung. Er lenkt die Leber vom Verdauen der Speisen ab und behindert sogar die Magenentleerung. "Bei Völlegefühl ist ein Spaziergang oder ein warmer Tee sinnvoll. Vorbeugend hilft natürlich auch, maßvoll zu essen", weiß Thomas Meier, Gastroenterologe am Diagnostik Zentrum Fleetinsel Hamburg.

Wechselduschen stärken das Immunsystem
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„Das Wasser ist mein bester Freund und wird es bleiben bis ich sterbe“, sagte einst Sebastian Anton Kneipp, der Erfinder der bekannten Wasserkur. Von Medizinern bewiesen ist zumindest, dass Wechselduschen einen positiven Effekt auf das Immunsystem haben. Eine Studie der Universität Jena kam zu dem Ergebnis, dass Patienten mit chronischer Bronchitis nach einer zehnwöchigen Wasseranwendung nach Kneipp eine um 13 Prozent gestärkte Immunabwehr entwickelt hatten und die Zahl der Infektionen zurückging.

Zugleich beklagte die WHO-Generaldirektorin, dass viele Menschen immer noch nicht darüber informiert seien, wie Antibiotika-Resistenz entsteht und was dagegen getan werden kann. Dies geht aus einer am selben Tag veröffentlichen Umfrage der WHO mit 10.000 Teilnehmern in zwölf Ländern hervor, die alle Weltregionen repräsentieren. Antibiotika werden wirkungslos, wenn sich Bakterien so genetisch verändern, dass die Medikamente ihnen nichts mehr anhaben können.

Bei der Umfrage gaben zwar 64 Prozent der Beteiligten an, sich der Gefahren durch die Resistenz von Antibiotika bewusst zu sein. Doch sie habe auch gezeigt, dass ebenfalls 64 Prozent der Beteiligten der Ansicht waren, man könne die von Viren ausgelösten Erkältungskrankheiten mit Antibiotika behandeln, obwohl sie gegen diese Erreger wirkungslos sind.

32 Prozent der Befragten erklärten, man könne die Einnahme von Antibiotika beenden, sobald man sich besser fühle, anstatt die verschriebene Dosis vollständig einzunehmen. Die zu frühe Absetzung dieser Medikamente gilt als eine von vielen Ursachen dafür, dass sich resistente Bakterien ausbreiten.

„Die Erkenntnisse dieser Studie zeigen, dass es dringend erforderlich, das Wissen über Antibiotika-Resistenzen zu verbessern“, sagte der WHO-Sonderbeauftragte für solche Resistenzen, Keiji Fukuda. Die entsprechende Veränderung von Verhaltensweisen sei „eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“.

Verbesserungsbedarf in Deutschland
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