Arznei-Engpässe in Deutschland Wenn lebenswichtige Medikamente knapp werden

Notstände bei Arzneimitteln sind hierzulande keine Seltenheit mehr. Neben Produktionsschwierigkeiten ist auch der Export ins Ausland ein Problem. Das Gesundheitsministerium sieht die Versorgung trotzdem gewährleistet.
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Immer wieder kommt es vor, dass Wirkstoffe nicht zur Verfügung stehen. Quelle: dpa
Arzneimittel-Versorgung in Deutschland

Immer wieder kommt es vor, dass Wirkstoffe nicht zur Verfügung stehen.

(Foto: dpa)

BerlinEs war einen Tag vor Heiligabend, als der Mangel offenbar wurde: ein Engpass beim Antibiotikum Piperacillin. Das Mittel ist für viele Patienten lebensnotwendig. „In der Krebsbehandlung wird es eingesetzt bei Menschen mit einem schlechten Immunsystem, wenn sie Fieber bekommen“, sagt der Onkologe Bernhard Wörmann.

Kurz vor Weihnachten musste der medizinische Leiter der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie daher noch an Kliniken Empfehlungen für alternative Behandlungsmethoden verschicken. Derlei Notstände sind längst keine Seltenheit mehr.

Gerade in der Krebstherapie seien Versorgungsengpässe bei Arzneimitteln bedrückend, sagt Wörmann. „Es gibt eine Reihe von Präparaten, die nicht ersetzbar und daher unverzichtbar sind.“ Und selbst bei austauschbaren Medikamenten führten Engpässe zu einer Beunruhigung der Patienten. „Deswegen sind wir in der Onkologie sehr sensibel auf diesem Gebiet.“

Die Drogen der Manager
Leistungspillen
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„Unternehmer und Manager neigen wie andere Leistungseliten dazu, ihre persönlichen Grenzen mit Pillen erweitern zu wollen“, sagt Professor Curt Diehm, Ärztlicher Direktor der Max-Grundig-Klinik in Bühl. Seit Jahrzehnten werden dort Führungskräfte der Wirtschaft behandelt. Diehm hat den Eindruck, dass angesichts des zunehmenden Drucks in den Unternehmen die Bereitschaft wächst, an den Giftschrank zu gehen, um die Leistungs- und Schaffenskraft erhöhen. Im Folgenden beschreiben Ärzte der Max-Grundig-Klinik die gängigen Dopingmittel von Managern – und deren Gefahren.

Benzodiazepine
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Präparate wie Tavor, Valium oder Lexotanil, die zur Gruppe der Benzodiazepine gehören, sind schon lange in Managerkreisen im Einsatz. Es handelt sich um hochwirksame Beruhigungsmittel und Angstlöser. Vor allem Tavor ist in den Führungsetagen in den USA – aber zunehmend auch in Deutschland – weit verbreitet. Doch Vorsicht: Tavor und andere Benzodiazepine machen in relativ kurzer Zeit abhängig und können bei langfristiger Einnahme ernsthaft schädigen. Tavor sollte allenfalls als Notfallmedikament, etwa bei akuter schwerer Stressbelastung oder schwerwiegenden Schlafstörungen, genommen werden – und dann unbedingt in Absprache mit einem Arzt, mahnt Dr. Susanne Krömer, Leiterin der Psychosomatischen Abteilung der Max-Grundig-Klinik.

Melatonin
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Manager, die viel um die Welt jetten, wollen mit dem Schlafhormon Melatonin ihren verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus ins Gleichgewicht bringen. Ab einem Alter von 55 Jahren ist Melatonin auch zur Behandlung von generellen Schlafstörungen zugelassen. „Wenn auch nicht so schädigend wie Tavor, ist auch das verschreibungspflichtige Melatonin keineswegs harmlos“, sagt Professor Diehm. Langzeitstudien über die Nebenwirkungen fehlen bislang.

Neuro-Enhancer
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Neuro-Enhancer, auch „Doping fürs Gehirn“ genannt, liegen im Trend. Präparate wie Ritalin oder Modafinil erhöhen die kognitive Leistungsfähigkeit. Sie machen wacher, konzentrierter und verbessern das Gedächtnis. „Insofern sind Neuro-Enhancer ideale Managerdrogen, die tatsächlich in erheblichem Umfang eingesetzt werden“ , stellt Professor Diehm fest. Auch Amphetamine – aus der Partyszene als Speed oder Pep bekannt – gehören zu dieser Kategorie von Präparaten. Amphetamine werden vornehmlich in Branchen konsumiert, die durch intensive Projektarbeit geprägt sind. Außerdem von jüngeren Managern der mittleren Ebene. Stehen bei Unternehmensberatungen oder Werbeagenturen Deadlines an, sind oft Ritalin, Modafinil oder Amphitamine im Einsatz. „Ein Problem ist, wieder runterzukommen, oft finden Patienten kaum noch Schlaf“, beobachtet Dr. Krömer. Andere Nebenwirkungen reichen laut Professor Diehm, von Kopfschmerzen, Reizbarkeit, Herzrhythmusstörungen bis zu Angstzuständen. Präparate, die die Psyche stimulieren, können auch das Verhalten verändern. Eher ruhige Zeitgenossen agieren plötzlich euphorisch. Amphetamine machen darüber hinaus abhängig.

Kokain
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Die Wirkung von Kokain lässt sich mit der von Neuro-Enhancern vergleichen, bei dieser Droge kommt jedoch noch der soziale Faktor hinzu. Gerade in Branchen, in denen Führungskräfte immer funktionieren müssen, wo hoher Leistungsdruck herrscht, ist der Konsum von Kokain kein Tabu. So gilt der Bankenplatz Zürich, das Investmentbanking in London und andere Zentren von Macht und hohem Einkommen als besonders durchdrungen. Dr. Krömer: „Man sollte sich über die Verbreitung von Kokain nichts vormachen. Es handelt sich nicht nur um eine Partydroge, wenn schon auf den Toiletten des Deutschen Bundestages erhöhte Mengen nachgewiesen wurden.“ Die große Gefahr: Regelmäßiger Konsum führt in die Abwärtsspirale der Sucht. Dabei nehmen Banker, Berater und Manager oft über Jahre Kokain, ohne dass ihr Umfeld diesen Missbrauch entdecken würde. Bis zum Zusammenbruch.

Anti-Depressiva
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Führungskräfte nehmen bisweilen Medikamente wie Cipralex, Zoloft oder Mirtazapin ein, die eigentlich für die Behandlung von Depressionen entwickelt wurden. Die Erwartung ist, dass diese Mittel die Stimmung heben, den inneren Antrieb verbessern und als „Glücklichmacher“ wirken. Das tun die Pillen aber nicht. Die Präparate sind teilweise exzellent geeignet, Depressionen in den Griff zu bekommen – immerhin 20 Prozent der Bevölkerung und damit auch 20 Prozent der Manager haben zumindest einmal im Leben eine depressive Phase. Bei Menschen ohne diese Krankheit aber so gut wie gar nicht, so die Ärzte der Max-Grundig-Klinik. Auch ein selbst diagnostiziertes Burn-out-Syndrom mit Antidepressiva zu bekämpfen, sei wenig sinnvoll, sagt Dr. Krömer. Unter ärztlicher Aufsicht können Antidepressiva möglicherweise dazu dienen, Schlaflosigkeit zu lindern, haben über einen längeren Zeitraum aber die Nebenwirkung, dass sie zu Gewichtszunahme führen.

Alkohol
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Nach dem Messebesuch ein paar Absacker an der Hotelbar? „Früher war Alkohol quasi das Einzige, was Führungskräfte sozial akzeptiert auch in größeren Mengen konsumieren konnten,“ sagt Professor Diehm. Zwar kann Alkohol Spannungen reduzieren, Stress abbauen und in Maßen auch das Einschlafen beschleunigen. Die negativen Effekte auf Leistung und Wohlbefinden sind jedoch erheblich: Schon der regelmäßige Konsum von mehr als einem Glas Bier oder Wein am Tag schädigt alle Organe, insbesondere Hirn und Leber, warnen die Mediziner. Der Kater lähmt die normalen Alltagstätigkeiten, und zu viel Alkohol am Abend führt zu Durchschlafstörungen. Professor Diehm: „Unter dem Leistungsaspekt ist die Bilanz von Alkohol, jenseits von kleineren Mengen, also wenig berauschend.“ Bei langem hohem Alkoholkonsum ist der körperliche und geistige Verfall irreversibel. Zum Stressabbau am Abend rät Dr. Krömer zu einer Einheit Sport als wesentlich klügerer Alternative – allerdings nicht unmittelbar vor dem Schlafen.

Grund für den Engpass bei Piperacillin ist ein Betriebsunfall im größten Herstellungsbetrieb des Wirkstoffs in China. Keine Seltenheit: Seit ein paar Jahren mehren sich die Fälle, „in denen eine ordnungsgemäße Arzneimittelversorgung nicht mehr gewährleistet ist, weil zugelassene Arzneimittel nicht oder nicht in der erforderlichen Menge verfügbar sind“, stellt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in seinem jüngsten Bulletin fest.

Probleme bei der Herstellung

Das Institut führt eine Liste, die auf freiwilligen Meldungen beruht. Dabei handelt es sich um verschreibungspflichtige Präparate, die überwiegend zur Behandlung lebensbedrohlicher oder schwerwiegender Erkrankungen bestimmt sind und für die keine Alternativpräparate verfügbar sind. Krebsmittel, Antibiotika und Notfallarzneimittel fallen ebenso darunter wie Präparate, die im Zusammenhang mit Operationen verwendet werden.

Insgesamt werden dort zurzeit Lieferengpässe bei 22 Medikamenten aufgelistet. In rund 70 Prozent der Fälle sind Probleme bei der Herstellung der Grund für Ausfälle, bei 25 Prozent werden laut Bundesinstitut nicht ausreichende Produktionskapazitäten angeführt.

Experten sehen vor allem in der zunehmenden Spezialisierung der Unternehmen auf wenige Wirkstoffe eine Ursache. „Ein Hauptgrund für mögliche Lieferschwierigkeiten ist die weltweite Konzentration der Wirkstoffproduktion“, sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI), Norbert Gerbsch. Dies sei dem globalen Kostendruck im Gesundheitswesen geschuldet.

Zudem werde beim kleinsten Verdacht auf eine Verunreinigung die Produktion und Auslieferung angehalten. Lieferengpässe seien somit auch der Preis für das hohe Sicherheitsniveau. Auch dem Bundesinstitut zufolge kommen Lieferengpässe aufgrund von Qualitätsmängeln immer öfter vor.

Parallelhandel wird zum Problem
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