Arzt im Seuchengebiet
Ebola bestraft jeden Fehler brutal

Wie bekämpft man eine Seuche, gegen die es kein Heilmittel gibt? Der Arzt Maximilian Gertler hat in Westafrika Ebola-Patienten behandelt, er berichtet über den Alltag der Menschen, die sich der Krankheit erwehren müssen.
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GuéckédouWie beschreibt man den Geruch von Chlor? So wie Desinfektionsmittel? Chlorartig? Es kennt ihn ja jeder. Während der letzten Wochen in Guinea war er mir so gegenwärtig wie zuhause der Geruch der Windeln meines Sohnes – vor allem auch genauso ambivalent: Es stinkt ein bisschen, aber so ist das Leben. Und in diesem Fall geht es ums Überleben.

Ein besonderer Duft, den wir Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen derzeit in Guinea, Liberia und Sierra Leone auftragen. Bevor wir uns zum Frühstück setzen, duften unsere Hände schon nach Chlor. In jedem Auto liegt eine Sprühflasche bereit und wenn wir das Haus, Büro oder Behandlungszentrum betreten, zeigen wir erst unsere Schuhsohlen, die dann sorgfältig abgesprüht werden. Danach desinfizieren wir wieder die Hände  – wieder mit Chlor.

Der Landcruiser muss nach Chlor riechen, die Kleidung, das Geschirr besonders, und eigentlich sogar die Salatblätter. Einmal kam in der lokalen Gesundheitsbehörde bei meinem Besuch keine Chlorlösung aus dem dortigen Spender. Zwar hatte ich erst vor drei Minuten im Auto die Hände desinfiziert – konnte es sogar noch riechen, dennoch wurde ich nervös. Sind das schon Anzeichen des Verrücktwerdens?

Nein. Hygiene und Desinfektion sind lebenswichtige Grundregeln in allen Ebola-Projekten von „Ärzte ohne Grenzen“. Der Selbstschutz ist die essentielle Voraussetzung der Hilfe – und Chlor ist sein Aroma.

Seit Anfang des Jahres breitet sich Ebola in Westafrika aus. Die ersten Fälle wurden im März in der Region von Guéckédou in Guinea bekannt, in der ich drei Wochen lang im Einsatz war. Hunderte Menschen sind hier in den letzten Monaten gestorben, vermutlich nur ein kleiner Teil in unserem Behandlungszentrum, die meisten bei ihren Familien, in abgelegenen Dörfern.

Tödlich ist vor allem die Unwissenheit

Zum Beispiel Faya Conde (alle Namen geändert). Er ahnte während seiner letzten Stunden nicht, dass er sich zwei Wochen vorher eine Motoradstunde weiter südlich bei der Beerdigung seines Cousins angesteckt hatte. Leider ahnte das auch seine Frau Mariam nicht, die ihn pflegte, auch nicht sein Bruder Tamber, der am Folgetag seinen Leichnam wusch, und schon gar nicht Fanta, die von Mariam gestillt wurde.

Auch Tambers Frau ahnte nichts, als schließlich ihr Mann Fieber bekam, nicht mehr aufstehen konnte, dann Durchfall bekam, danach blutigen Durchfall, Verwirrungen, dann kein Wort mehr sprach. Sie pflegte ihn. Kurz darauf zeigte auch sie alle Symptome. Alle zusammen teilen sie mit so vielen Menschen in Westafrika das Schicksal einer tödlichen Unwissenheit.

Der Nachbar von Tamber hat schließlich die Notrufnummer in Guéckédou gewählt. „Ärzte ohne Grenzen“ hat ein Team geschickt, das „sichere Beerdigungen“ von Menschen durchführt, die als Ebola-Verdachtsfälle gelten. Von der Wangenschleimhaut von Tambers toter Frau haben die vermummten Totengräber wie üblich vorsichtig einen Abstrich genommen, bevor ihr mit Chlorlösung besprühter Leichnam zwei Meter tief begraben wurde. Der Abstrich war positiv. Ein Ebola-Fall mehr in meiner Statistik.

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