„Atmen wie eine Lunge“
Nanotechnik beflügelt die Medizin

Berliner Forscher verbessern die Verträglichkeit von Kontaktlinsen und Gefäßstützen in den Blutbahnen. Die Firma Plasma-Chem GmbH hat eine Kontaktlinse entwickelt, die bis zu sechs Monate ununterbrochen getragen werden kann

BERLIN. Alexey Kalachev blickt durch eine nicht ganz saubere Brille. Egal. Der Chemiker kann sie bald in die Schublade legen. Seine Firma Plasma-Chem GmbH hat eine Kontaktlinse entwickelt, die bis zu sechs Monate ununterbrochen getragen werden kann. Nanotechnische Oberflächeneingriffe erhöhen die Verträglichkeit der neuen Linse, so dass sie nach Firmenangaben auch nachts im Auge bleiben kann.

„Auf gängigen Monatslinsen siedeln sich Bakterien auf der Oberfläche an. Das führt zu Augenentzündungen, wenn sie nicht regelmäßig gereinigt werden“, erklärt Kalachev. Seine neuen Linsen dagegen „atmen wie eine Lunge“, erklärt der Forscher. Er hat die Silicium-Oberfläche mit Nanotechnik so hergestellt, dass sie Sauerstoff durchlasse und keine Verschmutzung zulasse. Tränenflüssigkeit könne normal abfließen. Da sich die Kontaktlinse flexibel anpasse, reize sie das Auge nicht. „Träger werden die Linse nicht spüren“, sagt Kalachev.

Ab kommendem Jahr sollen die Dauerlinsen für 50 bis 100 Euro auf den Markt kommen. Plasma-Chem Finanzchef Thomas Schleef rechnet mit einem Gewinn von 10 bis 20 Millionen Euro schon im ersten Jahr. Herstellung und Vermarktung übernimmt die gemeinsam mit der Bayer AG gegründete Firma Lenswista.

Wista steht dabei für den „Wissenschaftsstandort“ Berlin-Adlershof. Dort – wie auch an der Humboldt-Universität – forscht der 50-jährige Kalachev. Der Mann ist Wanderer zwischen Theorie und Praxis: Nach seinem Studium der Chemie an der Russischen Wissenschaftsakademie in Moskau und einigen Jahren als Forscher kam er 1990 an das Max-Planck-Institut für Polymerforschung nach Mainz. Dort gründete er 1993 Plasma-Chem, mit der er unlängst nach Berlin zog. „Zielloses Forschen macht mich krank“, sagt der Wissenschaftler. „Produkte verändern die Welt.“

Als Ideenfabrik liefert seine Firma mit nur elf Mitarbeitern Vorlagen für eine ganze Serie von Nanoprodukten – meist für medizinische Anwendungen. Hauptumsatzträger sind Stents, also dehnbare Gefäßkatheder, die Kreislauferkrankten eine Bypassoperation ersparen können, indem sie Blutgefäße von innen stützen. Im Gegensatz zu üblichen Edelstahlstents, deren relativ raue Oberfläche zu Gefäßverletzungen und Zellablagerungen führen kann, ist die Alternative aus Adlershof nanobeschichetet. „Unsere Stents haben trotz der zylindrischen Netzstruktur eine absolut glatte Oberfläche. Das macht sie verträglicher und langlebiger“, erklärt Kalachev.

Darüber hinaus hat die Firma winzige Diamanten entwickelt, die nur knapp zehn Nanometer groß sind. Sie werden Lacken beigemischt, um diese beständiger und glatter zu machen. Unter großem Druck wird ein spezieller Kohlenstoff bei 4 000 Grad Celsius zur Explosion gebracht. Die dabei entstehende Druckwelle von bis zu 100 000 bar verwandelt den Kohlenstoff in Nanodiamanten – ein an Härte kaum zu übertreffendes Material.

Kalachev scheinen große Herausforderungen unwiderstehlich anzuziehen: Auch in der DNA-Analyse will er zum großen Sprung ansetzen. „Die schnelle und günstige Sequenzierung ist möglich“, sagt er. Sein mit der Humboldt-Universität entwickeltes Verfahren ermögliche es, DNA-Moleküle auf einem extrem harten Nanochip gewissermaßen aufzuspannen, zu bewegen und in ihrer Form zu verändern. Normalerweise würden sie dabei brechen oder verklumpen, was eine Analyse unmöglich macht. Ein neues nanoskopisches Lesegerät, der Nano-Luminograph, soll die zu einer geraden Linie geformte DNA sehr schnell sequenzieren können. Ein Labor-Prototyp des Gerätes existiert.

„Für alle Komponenten halte ich Patente“, sagt Kalachev. Zur Realisierung fehlten ihm rund 20 Millionen Euro. Das Verfahren könnte in fünf Jahren einsatzreif sein. Denkbar wäre dann, anhand eines Bluttropfens rasch eine komplette Genomanalyse durchzuführen. Der Kunde erhielte eine CD-Rom mit seiner entschlüsselten DNA – sozusagen eine Reparaturanleitung für sein Erbgut.

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