BIID lässt Ärzte rätseln
Der Traum vom Leben im Rollstuhl

Was bringt körperlich gesunde Menschen dazu, sich die Amputation eines Körperteils zu wünschen? Body Integrity Identity Disorder (BIID) nennen Wissenschaftler diese psychische Störung, die Ärzte und Psychologen trotz jahrelanger Forschung immer noch Rätsel aufgibt.
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ap FRANKFURT/MAIN. Phil führt ein unscheinbares Leben. Akademiker, feste Anstellung, stabile Partnerschaft - alles ganz normal. Doch an ihm zehrt eine verborgene Sehnsucht, die ihm den Alltag zum Kampf werden lässt: Der völlig gesunde und vitale Mann träumt davon, nur mit Beinstümpfen zu leben. Phil ist damit nicht allein. Im Internet finden Foren steten Zulauf, in den sich betroffene „Amputierwillige“ austauschen. Das Phänomen als Spinnerei abzutun, würde ihm nicht gerecht. „Body Integrity Identity Disorder“ (BIID) ist eine ernsthafte psychische Störung, die Ärzte und Psychologen trotz jahrelanger Forschung rätseln lässt.

„Wir wissen nicht, was dahintersteckt“, sagt Erich Kasten. Der Psychologe an der Universität Lübeck befasst sich seit Jahren mit BIID. Das Phänomen ist weder auf eine Hormonstörung zurückzuführen, noch ist es mit der sogenannten Body Modification zu vergleichen, also dem Wunsch nach Körperveränderungen zum Beispiel durch Tätowierungen. „Hinter BIID steht ein Leidensdruck“, sagt Kasten. „Diese Menschen haben das Ideal eines „perfekten' Körpers, der einen Arm oder ein Bein nicht umfasst.“

Phil ist dabei ein Beispiel für viele Betroffene: Schon als Kind träumte er davon, behindert zu sein. Er war neugierig und neidisch auf Menschen im Rollstuhl. Andere berichten in Foren von Schlüsselerlebnissen in der Kindheit, Begegnungen mit Gehbehinderten oder Kriegsversehrten. „Ich habe jahrzehntelang meine Neigung verdrängt, oder zumindest versucht zu verdrängen“, erzählt Phil, der inzwischen Mitte 40 ist. Das Doppelleben habe sein Selbstwertgefühl untergraben. Er hielt BIID geheim, auch vor Lebenspartnern, Kollegen und der Familie.

„Das sind keine Wahnsinnigen, sondern völlig unauffällige Menschen“, sagt Kasten dazu. Sie litten, gerade weil sie sich ihre sonderbare Sehnsucht nicht erklären könnten. „Ich bin doch bescheuert, ich sollte doch froh sein, dass ich nicht im Rollstuhl sitze“, derartiges werde oft geäußert. Ein Betroffener beschreibt es so: „Die Amputation würde den Körper komplettieren. Erst dann wäre er, wie er sich anfühlt beziehungsweise wie er sein soll.“

Es ist schwierig, die Zahl der Erkrankten zu schätzen. Der rege Zulauf zu Internetforen bedeutet auch nicht, dass BIID immer verbreiteter wird - genauso gut kann es sein, dass sich schlicht immer mehr Menschen aus der völligen Zurückhaltung in die Anonymität des virtuellen Netzes wagen. Klar scheint nur, dass in der Mehrzahl homosexuelle Männer betroffen sind; das lässt einen Bezug zu sexuellen Themen erahnen.

Denkbar ist auch, dass die Betroffenen im Grunde genommen unter Minderwertigkeitskomplexen leiden. Indem sie eine schwere Behinderung bewältigen (wollen), zeigen sie ihrer Umgebung endlich, was in ihnen steckt - daher möglicherweise die Verehrung echter Amputierter als Helden, die trotz der Einschränkungen ihr Leben meistern. Vermutet wird von manchen Wissenschaftlern im Moment insbesondere eine neurologische Veränderung in der Hirngegend, die für unsere Körperwahrnehmung verantwortlich ist; möglicherweise ist hier ein Arm oder ein Bein durch eine Fehlfunktion nicht richtig integriert worden und erscheint dem Betroffenen daher als fremd.

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