Biotechnologie
Neue Zähne wachsen im Reagenzglas

Zähne aus der Retorte könnten zu den ersten biotechnologisch erzeugten Organen gehören. Im Tierversuch ist es jetzt Forschern nach einem Bericht des Magazins Spektrum der Wissenschaft gelungen, die Bildung von Zähnen gezielt anzuregen.

HB DÜSSELDORF. Mit diesem Schritt steigt die Hoffnung, auch für Menschen eine Alternative zum künstlichen Zahnersatz zu entwickeln: Künftig könnten natürliche Zähne die altersbedingten Lücken füllen – gezüchtet aus körpereigenem Gewebe.

Die Vision wird genährt von den Forschungserfolgen des Harvard-Dozenten Conan S. Young. Sein Team züchtete Schweinezähne im Bauch von Ratten. Dazu entnahmen sie bei sechs Monate alten Schweinen die Anlagen der dritten hinteren Backenzähne – die menschlichen Weisheitszähnen entsprechen – und zerlegten die Gewebe in einzelne Zellen. Diese Zellmixtur säten sie in biologisch abbaubare Kunststoffgerüste, die wie menschliche Schneide- oder Backenzähne geformt waren. Das Ganze wurde an eine gut durchblutete Stelle in der Bauchhöhle von Ratten verpflanzt.

Nachdem sich das Stützgerüst aufgelöst hatte, nahm neues Gewebe den Platz ein. Nach 20 bis 30 Wochen waren zahnartige Strukturen erkennbar, die in Form und Gewebeaufbau den natürlichen Zahnkronen ähnelten. Pro Gerüst entstanden etliche Minizähne, daneben aber auch viele irreguläre Strukturen.

Ein Londoner Forscherteam um Paul T. Sharpe arbeitet ohne dieses Kunststoffgerüst. Der Professor für Kraniofaziale Biologie am King's College macht sich zunutze, dass embryonale Zahnanlagen bereits früh in ihrer Entwicklung auf ihre spätere Form programmiert werden. Die Forscher verpflanzten Zahnanlagen, so genannte Zahnknospen, von Mäuse-Embryos in den Mund ausgewachsener Artgenossen, und zwar in den zahnlosen Bereich zwischen Nage- und Backenzähnen. Nur drei Wochen später waren in der Lücke eindeutig Zähne zu erkennen. Die Formhing dabei von ihrer Herkunft ab.

Zahnanlagen menschlicher Embryos zu verpflanzen, verbietet sich. Deshalb favorisieren Wissenschaftler für die Zucht von menschlichen Zähnen als Ausgangsmaterial patienteneigene Zellen. So könnte einerseits die Immunabstoßung vermieden werden, andererseits würden die Zähne denen des Patienten stärker ähneln. Sharp hält Stammzellen aus dem Knochenmark Erwachsener für eine solche Quelle.

Bedarf an Retortenzähnen wäre vorhanden: Den über 50-Jährigen in den westlichen Industriestaaten fehlen im Schnitt zwölf Zähne. Doch weder Young noch Sharpe gelang es bisher, mit ihren Methoden Zähne mit richtigen Wurzeln zu züchten.

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