Deutsches Rheuma-Forschungszentrum ist den Ursachen der chronischen Gelenkentzündung auf der Spur
Neue Wirkstoffe stoppen Rheuma

Ausgeklügelte neue Therapien wie Biologicals können bei Rheumapatienten das Fortschreiten der Krankheit verhindern und Schmerzen lindern. Eine Heilung der äußerst schmerzhaften chronischen Gelenkentzündungen ist jedoch noch nicht möglich. Wissenschaftler hoffen jedoch, auch das in einigen Jahren ändern zu können.

KÖLN. Eine Schlüsselrolle sollen dabei so genannte zelluläre Therapien spielen, die unter anderem am Deutschen Rheuma-Forschungszentrum (DRFZ) in Berlin entwickelt werden.

Der Begriff Rheuma fasst etwa 100 Krankheiten zusammen, die ganz unterschiedliche Ursachen haben – von entzündeten Blutgefäßen bis hin zur Stoffwechselkrankheit Gicht. Am häufigsten tritt die rheumatoide Arthritis auf, an der in Deutschland rund 800 000 Menschen leiden. Dabei handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung. Das heißt: Das Immunsystem richtet sich gegen das eigene Gewebe. Es greift zunächst die Gelenkinnenhaut an, die sich entzündet, zu wuchern beginnt und zunehmend Knorpel und Gelenke zerstört. Doch auch Lunge oder Herz können geschädigt werden. Das Problem bei der Behandlung: „Die Ursache ist nicht bekannt, sondern nur der Verlauf der Krankheit“, sagt Bernhard Manger, Oberarzt in der Rheumatologischen Abteilung der Universitätsklinik Erlangen.

Jüngster Erfolg im Kampf gegen die rheumatoide Arthritis sind die so genannten Biologicals – an deren Entwicklung auch die Forscher der Uniklinik Erlangen beteiligt waren. Sie hemmen einen zentralen Botenstoff, der die chronische Entzündung aufrecht hält. „Es ist zum ersten Mal möglich, Rheuma zu stoppen“, sagt der Erlanger Mediziner. Die Zerstörung der Knochen setze sich nicht weiter fort.

Die wichtigsten Hersteller sind der US-Pharmkonzern Abbott Laboratories mit dem Produkt Humira, die US-Biotechfirma Amgen mit Enbrel sowie die Schering- Plough Corporation, die Remicade anbietet. Die Medikamente wurden in den vergangenen drei Jahren auch in Deutschland zugelassen. Großer Vorteil der Biologicals sind die nach aktuellem Stand geringen Nebenwirkungen. Hauptrisiko der Behandlung: Patienten, die früher einmal Kontakt mit Tuberkulosekeimen hatte, könnten einen Rückfall erleiden, so Manger. Das lässt sich jedoch mit einem Screening vor Beginn der Behandlung klären.

Den Durchbruch bei der Rheuma-Behandlung bestätigt Andreas Thiel, Arbeitsgruppenleiter Klinische Immunologie am Berliner DRFZ: „Biologicals unterbrechen einen Teufelskreis. Die Entzündung wird gestoppt.“ Das Problem sei jedoch: Bei ernsthaften Virusinfektionen muss die Behandlung aussetzen, da sonst das Immunsystem zu schwach ist. Zudem ist eine Therapie mit Biologicals sehr teuer. 15 000 bis 25 000 Euro kostet sie im Jahr. Wesentlich billiger ist dagegen die Standard-Therapie, eine Kombination aus geringen Dosen Cortison sowie dem auch in der Krebs-Behandlung eingesetzten Medikament Methotrexat. Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie empfiehlt die Biologicals-Therapie deshalb auch erst, wenn zwei billigere Behandlungen fehlgeschlagen sind.

Langfristig hoffen die Forscher am DRFZ, Behandlungsmöglichkeiten zu finden, die erstmals eine echte Heilung der rheumatoiden Arthritis ermöglichen, die zelluläre Therapie. „Diese ursächlichen Zellen müssen verändert oder eliminiert werden“, sagt Wissenschaftler Thiel. Dabei handelt es sich um autoreaktive Lymphozyten – eine Blutkörpergruppe, die für die Autoimmunreaktion verantwortlich ist. Viele der Mechanismen der rheumatoiden Arthritis seien in Experimenten – etwa mit Mäusen – bewiesen worden. Allerdings sei es schwierig, die Ergebnisse auf den menschlichen Körper zu übertragen.

Das Problem sei der Schritt vom experimentellen Modell in die Klinik. „Sie müssen die richtigen Leute zusammenbringen“, sagt Thiel. Das soll im Juni kommenden Jahres geschehen. Dann findet in Berlin eine mit EU-Mitteln geförderte Konferenz zur zellulären Therapie statt. Langfristig ist DRFZ-Forscher Thiel vom Erfolg seines Ansatzes überzeugt: „Dies wird eine echte Alternative bei der Behandlung von rheumatischen Erkrankungen werden.“

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