Deutschlands Denker
Mit Grips aus der Krise

Unternehmen, die ihr Innovationsmamagement im Griff haben, können nach einer Rezession durchstarten. Nicht nur die Siemens AG beweist, dass deutsche Ingenieure gelernt haben, aus guten Ideen Geld zu machen. Ein Dossier.
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DÜSSELDORF. In wenigen Wochen sagen Topmanager und Politiker der Finanzkrise auf dem Weltwirtschaftsforum von Davos den Kampf an. Es ist unwahrscheinlich, dass den Experten zur Krise eine in Erlangen entwickelte Maschine einfällt, die es auf ihrem Feld inzwischen zu Weltruhm gebracht hat. Dabei könnten sie viel von deren Geschichte lernen.

Wer in der Krise Chancen nutzen will, der muss Innovationen bereits generiert haben. Denn wer jetzt erst anfängt, neue Produkte zu entwickeln, ist schon zu spät dran. "Firmen, in denen das Innovationsmanagement fester Bestandteil der Unternehmenskultur ist, haben klare Vorteile", sagt Innovationsberater Kai Engel, Partner der Unternehmensberatung A.T. Kearney. Ob er dabei an die runde Maschine aus Erlangen denkt?

Im internationalen Vergleich steht das selbsternannte Erfinderland so schlecht nicht da, deutsche Firmen geben hierzulande rund 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung aus, Unternehmen in China nur 1,3 Prozent. Doch diese Zahlen verzerren die wirklichen Größenverhältnisse: In absoluten Zahlen investierte Deutschland 2006 rund 60 Mrd. Euro, in China waren es rund 130 Mrd. Euro, in den USA mehr als 300 Mrd. Euro.

Deutsche Innovations-Geschichten fangen oft ausgerechnet bei Siemens an, dem Technik-Giganten, der monatelang mit anderen, mit Skandal-Geschichten für Aufmerksamkeit gesorgt hat. Denn egal, mit wie viel Geld Siemens dem eigenen Geschäft in der Vergangenheit unter der Hand nachgeholfen hat, der Konzern ist vor allem eines: eine Innovationsmaschine. Jahr für Jahr produziert Siemens Rekorde in der Patentanmeldung, der Konzern gehört weltweit zu den fünf innovativsten Unternehmen. Mehr als einmal sind die Münchener mit einzelnen Unternehmensbereichen als "Best Innovator" ausgezeichnet worden. Und eine Sparte ragt besonders heraus: die Medizintechnik.

Wie generiert der Weltmarktführer aus Erlangen seine innovativen Produkte? Die weiße Maschine, der Computertomograf, zeigt exemplarisch die Innovationsstärke von Siemens. Die Erlanger mussten das bereits bestehende Gerät praktisch neu erfinden und kamen an einen Scheideweg. Erst im Rückblick zeigt sich, dass sie sich in ihrem Alleingang - anders als die Konkurrenz - für die richtige Technologie entschieden.

Tüftler stellen Weichen für die Zukunft

Wir schreiben das Jahr 1994, es herrscht Depression im Land des Mauerfalls. Auch der Siemens-Konzern dümpelt vor sich hin, die Medizintechnik schreibt rote Zahlen und gilt als Sanierungsfall. Genau in diesen flauen Zeiten stellt eine Mannschaft entschlossener Tüftler und Vermarkter die entscheidenden Weichen für die Zukunft. Sie sorgen dafür, dass nicht am falschen Ende gespart wird, und schaffen so Verhältnisse, die in einer revolutionären Neuerung gipfeln: einer weißen, runden Maschine, die den menschlichen Körper bis in seine winzigsten Adern so durchleuchtet, wie es nie zuvor möglich war.

1994 stehen die Entwickler der Medizintechnik in Erlangen mit dem Rücken zur Wand. Die Konkurrenz scheint übermächtig, General Electric und Philips liegen auch technisch in Front. Dem Management in München ist schnell klar: Es gibt nur einen Weg, um aus der Unternehmenskrise herauszukommen - die Entwicklung von Innovationen muss optimiert werden. So steht am Anfang eine genaue Analyse des Innovationsprozesses, aus der sich schnell eine entscheidende Schlussfolgerung ergibt. Die Suche nach Innovationen wird institutionalisiert; Siemens bildet ein Strategieteam aus Physikern, Marketing-Leuten, Geräte- und Software-Entwicklern, das sich seither einmal im Monat trifft, um neue Ideen für die Weiterentwicklung der Geräte zu diskutieren. "Wir suchen seit dieser Zeit kontinuierlich und gezielt nach Innovationen und Stellschrauben, um die CT-Technik zu optimieren", erzählt Bruno Dörrfuß, Leiter des Produktmanagements in dem Bereich.

1994 ist der Computertomograf bereits eine leistungsfähige, aber ökonomisch nicht sehr erfolgreiche Maschine. Denn sein Anwendungsgebiet ist einfach zu klein. Mit den Geräten konnten Kliniken zwar Tumore, Knochenbrüche, Bandscheibenvorfälle und Infarkte diagnostizieren - damit waren die eine Million Euro teuren Geräte aber nicht ausgelastet. Die Siemens-Führung stellt daher die Zukunftsfrage. "Die wichtigste technologische Herausforderung bestand Mitte der 90er-Jahre darin, neue diagnostische Felder zu erschließen, um mehr Patienten mit den Tomografen untersuchen zu können", erinnert sich Marketing-Mann Hartung.

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