Die Gesundheitsreform lockt nicht nur Unternehmer mit seriösen Geschäftsideen an
Von Marktlücken und Mumpitz

Alle Kurven steigen steil an – fast fühlt man sich auf dem Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit in die Blütezeit des Neuen Markts zurück versetzt. Zwar zeigen die Diagramme weder die Kurse von Internet-Aktien noch die Zahl der Handy-Nutzer, sondern die Vergreisung der Gesellschaft. Doch die steigende Lebenserwartung verspricht grenzenloses Wachstum, zumindest auf den Hochglanzbroschüren der Gesundheitsfirmen.

HB BERLIN.Seit 1998 veranstaltet die Berliner Unternehmensberatung Wiso S.E. Consulting den Berliner Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit. Was als kleine Fachveranstaltung für Klinikmanager begann, ist inzwischen zu einem der wichtigsten Treffen der deutschen Gesundheitswirtschaft geworden. Zu dem Fachkongress „Krankenhaus Klinik Rehabilitation“ gesellten sich im Lauf der Jahre das Ärzteforum und der Deutsche Pflegekongress.

In diesem Jahr haben sich 6 000 Besucher angemeldet. Die meisten von ihnen kommen, um Fachvorträge zu verfolgen. Auch Dietrich Grönemeyer, der in den Maßstäben dieser Welt dem Popstar-Status seines singenden Bruders in nichts nachsteht, ist dabei. Im unverkennbaren Tonfall der Ruhrpottbewohner lässt er die Vision einer Gesundheitswirtschaft auferstehen,die zigtausende Arbeitsplätze schafft und den Patienten eine „liebevolle und sanfte“ Behandlung garantiert. Selbstverständlich fehlt auch der Hinweis auf sein sein neues Buch nicht – aber am Eingang ist es immerhin nicht erhältlich.

Die gute Resonanz beim Fachpublikum wirkt auch auf die Firmen des Gesundheits- und Pflegesektors wie ein Magnet. Für sie ist der Kongress eine absolute Pflichtveranstaltung. Die Gelegenheiten, bei denen Werbematerial in die Hände so vieler Klinikchefs, Pflegedienstleiter und Gesundheitspolitiker gelangen kann, sind an einer Hand abzuzählen.

Entsprechend sind die 2 000 Quadratmeter des ICC Berlins komplett ausgebucht. Zwischen den großen Flächen von Johnson & Johnson tummeln sich Stände von Softwareanbietern, Herstellern oszillierender Massageliegen und Dienstleistern für die heimische Pflege.

Auch die Presse bleibt von der Informationsflut über Produktinformationen nicht verschont. „Dieser Hersteller neuartiger Spritzen will mir weismachen, dass es unverantwortlich sei, wenn Krankenhäuser seine Produkte nicht verwenden“, erzählt ein Berliner Journalist, hörbar genervt von der gleichermaßen dreisten wie hartnäckigen PR-Strategie einer Startup-Firma.

Wo die Grenze zwischen guter Geschäftsidee und Mumpitz verläuft, ist in diesem Durcheinander nicht immer ersichtlich. Mit mehr oder weniger innovativen Produkten hoffen die Firmen der Branche in Marktlücken zu stoßen, die sich durch den Umbau des Gesundheitswesens möglicherweise auftun könnten. Auch hier kommen Erinnerungen an den Internet-Boom auf: Wer seine Nische eng genug definiert, kann sich zum Weltmarktführer ausrufen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%