Die WM und ihre Fans
„Wir fühlen uns lebendig!“

Ob auf Deutschlands größter Fanmeile in Berlin oder anderswo: Millionen von Deutschen werden am Sonntagabend das WM-Finale beim Public Viewing verfolgen. Die Psychologin Christiane Gelitz erklärt, warum das Gemeinschaftserlebnis Fußball die Menschen so fasziniert – und wie wir den Nach-WM-Blues vermeiden.
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Frau Gelitz, seit der WM 2006 boomt das Public Viewing. Was macht das Faszinierende an diesen gemeinsamen Sporterlebnissen aus?
Christiane Gelitz: Public Viewing verschafft uns aus vielen Gründen gute Gefühle: Zunächst einmal ist es eine Aktivität, die uns vom Sofa weg und unter Menschen treibt. Allein das hebt nachweislich die Stimmung. Dabei entwickeln wir ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl mit einer großen Gruppe Gleichgesinnter und teilen mit ihnen sehr intensive Emotionen. Wir fühlen uns lebendig! Und nicht zuletzt ernten „wir“, stellvertretend durch die Nationalmannschaft, weltweit Anerkennung – seit der WM 2006 sogar nicht nur Respekt, sondern auch Sympathien.

Und die Fanmeile vermittelt diese Gefühle eher als die Couch daheim?
Der WM-Gefühlskick lässt sich auch in einer kleinen Gruppe im Heimkino erleben, aber ohne das mächtige, rauschhafte Auf und Ab der Gefühle. Allerdings werden wohl nicht alle Zuschauer das Public Viewing uneingeschränkt genießen, denn Enge und Lärm in großen Menschenmengen können anstrengend sein, und der neue Nationalstolz weckt aus historischen Gründen vielleicht auch zwiespältige Gefühle. Doch wenn der gesamte Freundeskreis sich zum Public Viewing trifft, entsteht ein gewisser Gruppenzwang. Deshalb ist mancher vielleicht sogar ganz froh, wenn die WM wieder vorbei ist.

Hilft das Erlebnis in der Gruppe, eine Niederlage besser zu verarbeiten?
Ja und nein, denn dort schaukeln sich Emotionen im Positiven wie im Negativen hoch. Die Gruppe kann den Einzelnen hinunterziehen, kann aber auch helfen, den Fußball eben nur als schönste Nebensache der Welt zu sehen, und nicht mehr. Damit die Niederlage überhaupt traumatisch empfunden wird, müsste das Fan-Sein aber schon einen gewichtigen Teil der eigenen Identität ausmachen.

Warum identifizieren sich so viele Menschen überhaupt mit hochbezahlten Fußballprofis? Deren Welt hat mit der Lebenswirklichkeit der meisten Fans doch kaum etwas zu tun.
Es braucht keine realen Gemeinsamkeiten, damit wir uns mit anderen identifizieren. Das lässt sich in sozialpsychologischen Experimenten ganz leicht zeigen. Wenn man Menschen per Zufall in zwei rivalisierende Teams aufteilt, etwa indem man ihnen grüne und rote Trikots gibt, wird die eigene Mannschaft schon nach kurzer Zeit positiver wahrgenommen als der Gegner. Loyales Verhalten gegenüber der „eigenen“ Gruppe hat sich in der Evolution durchgesetzt, weil es Überlebensvorteile brachte. Es scheint ein wenig verrückt, die eigene Stimmung von Sieg und Niederlage eines Teams abhängig zu machen, das man nicht einmal persönlich kennt. Aber wir profitieren indirekt von der Identifikation und Loyalität, weil sie uns stellvertretende Erfolgserlebnisse vermittelt: „Wir“ haben irgendwie mitgewonnen. In der Psychologie spricht man auch von parasozialen Beziehungen: eine einseitige Beziehung zu Menschen, die uns ähnlich vertraut erscheinen wie echte Freunde und mit denen wir in ähnlicher Weise mitleiden und uns mitfreuen.

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So vermeiden Sie den Nach-WM-Blues

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