Firmengründer und Krebsforscher Axel Ullrich
„Zu viele sind nur Halbwissende“

Der Molekularbiologe und Direktor am Max-Planck-Institut Axel Ullrich holt zum Rundumschlag aus: Viele Wissenschaftler seien zu optimistisch, Geldgeber oft zu zögerlich und den Entscheidungsträgern in der Pharmaindustrie fehle es nicht selten an Kompetenz.

Handelsblatt: Herr Ullrich, Sie gelten als Biotech-Pionier und als der wohl erfolgreichste Molekularbiologe in Deutschland. Doch mit der Firma U3 Pharma haben Sie nun einen weiteren Teil ihrer Forschung an einen ausländischen Pharmakonzern verkauft. Müssen Sie sich damit nicht auch ein wenig als Verräter der deutschen Biotechforschung fühlen, oder gab es keine andere Wahl?

Ullrich: Nein, ich betrachte das als ganz wichtigen Erfolg. Denn für mich als Wissenschaftler ist es vor allem entscheidend, dass die Projekte, die ich in die Firma eingebracht habe, nicht sterben, sondern für die Entwicklung neuer Medikamente genutzt werden. Ich sehe diesen Deal auch als Indiz dafür, dass zumindest einzelne Pharmakonzerne doch die Chancen von neuen intelligenten Ansätzen erkennen.

Warum konnte U3 die Forschung nicht in eigener Regie vorantreiben?

Die klinischen Studien, die nun für unsere neuartigen Wirkstoffkandidaten zur Krebstherapie nötig sind, hätten wir nie finanzieren können. Es war schon extrem schwierig bis an diesen Punkt zu kommen. Vor drei Jahren sind wir haarscharf an einer Insolvenz vorbeigesegelt, bevor wir doch noch eine Finanzierungsrunde auf die Beine stellen konnten.

Immerhin sind aus Ihren Forschungsarbeiten bereits zwei erfolgreiche Krebsmedikamente hervorgegangen, das Brustkrebsmittel Herceptin und das Nierenkrebsmedikament Sutent.

Aber trotz meiner Erfolgsbilanz gelang es uns zunächst kaum Geldgeber oder Partner für U3 zu finden. Wir haben die Projekte allen möglichen Firmen, auch den deutschen Pharmakonzernen, angeboten. Aber nichts ist gelaufen. Die meisten Pharmafirmen setzen lieber auf Me-Too-Projekte. Alle stürzen sich mehr oder weniger auf die gleichen molekularen Ziele und Konzepte.

Big Pharma hat doch einen riesigen Bedarf an neuen Produkten und investiert heftig in Allianzen und Biotech-Übernahmen.

Ja, aber es kommt oft nicht viel dabei heraus, es sei denn sie lassen den Biotechfirmen ihre Eigenständigkeit wie es seinerzeit Pharmacia bei Sugen getan hatte und nun Daiichi Sankyo auch bei U3 plant. In den großen Konzernen gibt es nach wie vor zu viele Leute, deren Hauptinteresse darin besteht, ihre gute Position innerhalb der Organisation zu halten. Ideen von außen stehen die erst mal ablehnend gegenüber. Bei Firmenübernahmen sterben dann viele Projekte, wenn sie nicht zufällig einen Förderer innerhalb der Organisation finden.

Und die Risikokapitalgeber....

... sind zu kurzfristig orientiert und verfügen in der Regel über zu wenig Kompetenz. Meist folgen sie gewissen Modewellen, in deren Rahmen Unternehmen dann völlig undifferenziert finanziert werden, auch solche, deren Projekte von vorneherein zum Scheitern verurteilt sind. Auf der anderen Seite, außerhalb dieser Trends, kommt es immer wieder zu Finanzierungsengpässen, auch bei erfolg versprechenden Firmen und Projekten.

Woraus resultieren diese Probleme?

Das Schlimme an dieser Industrie ist, dass zu viele Leute Entscheidungen treffen, die nur Halbwissende sind, gleichzeitig aber meinen, sie verstehen die Dinge bestens. Das ist die größte Gefahr.

Vor allem auf Seiten der Kapitalgeber?

Bei VC-Firmen und großen Pharmakonzernen ist das ein Problem. Aber auch auf der akademischen und politischen Seite führt dieses Halbwissen mitunter zu erheblichen Fehlentscheidungen, wenn man sieht was da so an Vorschlägen kommt, die letztlich ins nirgendwo führen.

Zum Beispiel?

Etwa wenn man sich den Bioregio-Wettbewerb, den die Bundesregierung Ende der 90er Jahre initierte. Das war einerseits genial, mit relativ geringem Aufwand so viel Begeisterung und Unternehmergeist zu wecken. Man kann insofern niemandem einen Vorwurf machen. Es endete aber letztlich wie ein Schlag ins Wasser. Aus diesen Initiativen ist bisher kaum was raus gekommen.

Immerhin zählt die deutsche Biotech-Industrie heute rund 500 Unternehmen mit fast 10 000 Beschäftigten.

Solche Zahlen sollte man nicht überschätzen. Im Pharmabereich hält sich die Zahl der wirklich innovativen und erfolgreichen Unternehmen nach wie vor stark in Grenzen.

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