Fortschritt in der Chirurgie
Metallschaum ersetzt Hüftgelenk

Ein neuer Werkstoff ähnelt natürlichen Knochen. Dadurch nimmt der Körper Prothesen besser an, was vor allem für Patienten mit schweren Arthrosen Hilfe bringen kann.

Hüftpatienten profitieren von Raketen-Technik: Ein von der US-Weltraumbehörde Nasa als Filter bei Antriebsdüsen verwendetes Material verbessert die Qualität von Hüftimplantaten und verringert die Folgen einer Operation. Seit 1997 ist das von der US-amerikanischen Firma Zimmer vertriebene Trabecular Metal auf dem Markt. Seitdem konnten die Medizinern Erfahrungen mit dem Material sammeln, die Hoffnung auf einen deutlichen Fortschritt beim Ersatz künstlicher Hüftgelenke machen.

Rund 40 Kliniken nutzen Trabecular Metal derzeit in Deutschland, sagt eine Sprecherin bei Zimmer Germany in Wiesbaden. Ein Pionier beim Einsatz des Werkstoffes ist Carsten Perka, Professor am Centrum für Muskuloskelettale Chirurgie an der Berliner Charité. Er hat Hüftimplantate aus Trabecular Metal als erster Mediziner in Europa verwendet. Bislang sei es bei rund 400 Operationen zum Einsatz gekommen. „Wir haben die Eingriffe genau dokumentiert und schließen derzeit die Arbeit an einer Veröffentlichung ab“, sagt Perka. Es sei nur in zwei Fällen zu Komplikationen gekommen, die allerdings nichts mit dem Werkstoff zu tun gehabt hätten. Mit der Publikation seiner Ergebnisse rechnet er im kommenden Jahr.

Laut Perka vereinfacht Trabecular Metal den Ersatz von Hüftpfannen deutlich. „Es verfügt über eine enorme Oberflächenrauhigkeit und kann deshalb auch bei relativ wenig verbliebenem Knochen stabil eingesetzt werden.“ Weiterer Vorteil: Es lassen sich damit wenn nötig nur Teile des Gelenks ersetzen, so dass der Arzt das Implantat besser auf die Bedürfnisse des Patienten ausrichten kann. „Wir sind in der Lage, den Restknochen viel effizienter zu nutzen“, erläutert Perka.

Vor allem bei Wechseleingriffen, wenn also ein künstliches Hüftgelenk ausgetauscht wird, sei das von Vorteil. Er verwende Trabecular Metal bei etwa 30 bis 40 Prozent dieser Operationen, sagt Perka. Die einfache Technik erlaube zudem ein schnelleres Operieren. „Das kommt vor allem älteren Patienten zu Gute, deren Heilungsprozess viel schneller verläuft.“ Für Euphorie sei es allerdings zu früh: „Wir brauchen noch ein paar Jahre, bis gesicherte Langzeitergebnisse vorliegen“, so Perka.

Weil bisher nur wenig bekannt ist, wie sich die Prothesen nach mehr als zehn Jahren verhalten, mahnt Thorsten Gehrke, Chefarzt der Hamburger Endo-Klinik, zur Vorsicht: „Das Material ist noch in der Erprobungsphase“, sagt er. Gehrke bevorzugt eine andere Methode des Hüftersatzes, das so genannte „Impaction Grafting“.

Die Endo-Klinik unterhält für diese Technik eine Knochenbank. Beim Einsatz einer Prothese entfernt der Arzt den Hüftkopf, der dann ersetzt wird. Diese Hüftköpfe werden in der Klinik steril aufbereitet und können später als Knochenersatz dienen. Beim Impaction Grafting wird ein Granulat aus Fremdknochen in den körpereigenen Knochen eingestampft. „Im Prinzip kennen wir die Technik aus dem Straßenbau. Die sind auch mit Schotter unterlegt“, sagt der Heidelberger Professor Volker Ewerbeck. Der noch lebende, eigene Knochen kann in den fremden toten Knochen hineinwachsen. „Knochen ist ein sehr lebendiges Organ. Er ist ständig im Umbau, im Körper findet ein permanenter Ab- und Aufbau von Knochensubstanz statt“, verdeutlicht Gehrke. Ein Austausch der Prothese, auch Revision genannt, wird häufig nach einigen Jahren nötig. Die Endo-Klinik erneuert im Jahr 1 400 Ersatzgelenke, die schadhaft geworden sind.

Die gefährlichste Komplikation ist eine bakterielle Entzündung auf dem künstlichen Gelenk. In diesem Fall wird die infizierte Prothese normalerweise entfernt. Der Patient muss zwei bis drei Monate ohne Gelenk das Bett hüten und wird mit Antibiotika behandelt, bis die Entzündung abgeklungen ist. Erst dann wird eine neue Prothese eingesetzt. „Wir machen dagegen einen so genannten einzeitigen Wechsel. In einer Operation wird die alte Prothese ausgebaut, infizierter Knochen entfernt und die neue Prothese eingebaut“, so Gehrke. Die Liegezeit ohne Gelenk entfällt.

Einen Haken hat der einseitige Wechsel jedoch: Nach Angaben des Arztes zahlt die Klinik bei diesen Operationen drauf. Sie würden von den Krankenkassen nicht ausreichend vergütet. „Die Wechseloperationen werden immer teurer – auch durch neue Werkstoffe wie Trabecular Metal“, gibt der Orthopäde zu bedenken.

Laut Carsten Perka ist eine Prothese aus Trabecular Metal eineinhalb bis zwei Mal so teuer wie die Standardvariante. Auch deshalb glaubt er nicht, dass die neue Technik sich rasch umfassend durchsetzt. „Kliniken bekommen für jeden Eingriff das gleiche Entgelt, und zwar unabhängig vom Material“, sagt er. Mit einer spürbaren Zunahme des Einsatzes des neuen Werkstoffes rechnet er deshalb „erst wenn sich das Entgeltsystem ändert“. Bis dahin, so Perka, „werden die Zahlen nur langsam steigen“.

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