Kampf gegen Polio: Warum die Kinderlähmung nicht ausgerottet ist

Gefährlicher Krankheitserreger
Kriege verhindern die Ausrottung von Polio

Krisen und Kriege haben die Hoffnung der Weltgesundheitsorganisation platzen lassen, die Kinderlähmung im Jahr 2016 weltweit auszurotten. Trotz großer Anstrengungen gibt es für zwei Polio-Erreger noch keine Entwarnung

BerlinDas Schreckgespenst der Vergangenheit hat in einem schmalen Reagenzglas gesteckt. Bei Minusgraden lagerten im Labor des Berliner Robert Koch-Instituts (RKI) bis zum Jahresende spezielle Erreger der Kinderlähmung. Die Impf- und Wildviren vom Polio-Typ 2 aber wird es 2017 nicht mehr geben. Denn dieses Virus gilt weltweit als ausgerottet und deshalb ist es auch im RKI-Labor den Hitzetod gestorben.

Für die beiden anderen Polio-Erreger aber gibt es noch keine Entwarnung. Im Gegenteil: Krisen und Kriege haben die Hoffnung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) platzen lassen, die Kinderlähmung im Jahr 2016 weltweit auszurotten, berichtet Sabine Diedrich, Leiterin des Nationalen Referenzzentrums für Poliomyelitis und Enteroviren am RKI.

„Kinderlähmung ist bitter. Schluckimpfung ist süß.” Die Slogans der Gesundheitskampagnen haben sich in das Gedächtnis der älteren Generationen eingebrannt. Bei den Epidemien 1953 und 1954 gab es in Deutschland Tausende Polio-Fälle mit fast 10.000 Toten. Am häufigsten traf es Kinder und Jugendliche. Wer überlebte, trug häufig Lähmungen an Armen oder Beinen davon.

Bis heute ist Kinderlähmung nicht heilbar. Doch die Schluckimpfung auf einem Stück Würfelzucker habe innerhalb nur eines Jahres zu einem fast vollständigen Rückgang der Neuerkrankungen in Deutschland geführt, berichtet Diedrich.

„Die Polio-Bekämpfung ist seit den Massenimpfungen Ende der 1980er Jahre weltweit eine Erfolgsgeschichte”, sagt auch Rudi Tarneden, Sprecher des Kinderhilfswerks Unicef. Rund 15 Millionen Kindern seien durch die Immunisierungen, die heute 15 Cent pro Dosis kosten, Lähmungen erspart geblieben. Und 700.000 Todesfälle durch Polio konnten verhindert worden, schätzt Unicef. Zusammen mit Partnerorganisationen erreiche das Hilfswerk heute mit der Schluckimpfung weltweit jedes dritte Kind.

Und doch bleibt der wunde Punkt: Anders als für die Pocken gibt es für diese große Geißel der Menschheit keine Entwarnung. Es gibt zwar nur vergleichsweise wenige Fälle - aber jeder ist ein herber Rückschlag.

In Deutschland liegt die Polio-Durchimpfungsrate heute bei 95 Prozent. „Das reicht gerade so, damit sind wir auf der relativ sicheren Seite”, sagt RKI-Expertin Diedrich. „Je mehr wir an die 100 Prozent rankommen, desto besser wäre es.”

Denn das Bild kann sich rasch ändern. Auch Syrien habe Polio-Impfquoten von an die 90 Prozent gehabt, berichtet Diedrich. Innerhalb weniger Monate fiel die Quote in den Kriegswirren auf 60 Prozent. Das Ergebnis war ein Polioausbruch 2013/14.

Die Hilfswerke haben das nicht hingenommen. „Mitten im Bürgerkrieg sind Millionen Kinder geimpft worden”, berichtet Tarneden. „In allen Landesteilen außer den IS-Hochburgen.” Auch Menschen, die nun aus dem umkämpften Mossul im Irak fliehen, bekämen die Impfungen sofort angeboten.

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Kinderlähmung ist tückischer als andere gefährliche Infektionen

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