Gravierende Nebenwirkungen
Alzheimer-Forschung hat immer wieder mit Rückschlägen zu kämpfen

Die Suche nach einer wirksamen Behandlung der Alzheimer-Krankheit wird 100 Jahre nach ihrer Entdeckung von Rückschlägen begleitet. Häufig verschriebene Medikamente, so genannte atypische Neuroleptika, helfen den meisten Patienten, bei denen die Demenz-Erkrankung mit Aggressionen und Wahnvorstellungen einhergeht, nicht so wie gehofft. Bei vielen Betroffenen sei die Einnahme sogar mit gravierenden Nebenwirkungen verbunden.

mwb STUTTGART. Das ist das mit Spannung erwartete Resultat der ersten größeren Studie zu dem Thema an Alzheimer-Patienten außerhalb von Pflegeheimen. Im Verlauf der noch unheilbaren Krankheit werden die Patienten meist völlig hilflos. Rund drei Viertel der Alzheimer-Patienten entwickeln Wahnvorstellungen und Aggressionen und laufen damit Gefahr, sich selbst oder andere zu gefährden. Dies ist der Hauptgrund, warum Angehörige die Betroffenen in ein Pflegeheim geben.

„Diese Medikamente sind nicht die Antwort“, bilanziert Thomas Insel, Leiter des amerikanischen National Institute of Mental Health, das die Studie finanziert hat. Im Oktober hatte bereits die britische Nice-Behörde, die als staatliches Institut Kosteneffizienz von Arzneimitteln prüft, den Einsatz von Cholinesteras-Hemmern im Frühstadium der Demenzerkrankung negativ bewertet.

Wirksame Arzneimittel wird es nach Einschätzung der Experten frühestens in einigen Jahren geben. Dabei würden solche Präparate dringend gebraucht: In Deutschland erkranken jährlich 250 000 Menschen an dieser Form der Demenz, die anfangs von altersbedingter Vergesslichkeit kaum zu unterscheiden ist. In Deutschland leiden darunter rund eine Million Menschen und in den USA bereits 4,5 Millionen. Wegen der Überalterung der Gesellschaft in Ländern wie Deutschland oder den USA wächst die Dringlichkeit des Problems. „Wir müssen den finanziellen Aufwand deutlich erhöhen“, fordert der Neurobiologe Mathias Jucker, vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung an der Uni-Klinik in Tübingen. Junker lud am vergangenen Wochenende die weltweit führenden Alzheimer-Forscher zu einem Symposium an den gleichen Ort, an dem Alois Alzheimer 1906 auf der „37. Versammlung Südwestdeutscher Irrenärzte“ über eine „eigenartige Erkrankung der Hirnrinde“ berichtete. 100 Jahre später gibt es noch keine wirksame Therapie.

„Wir müssen vor allem mehr wert auf die Prävention und die Früherkennung legen“, betont Junker, dessen Institut erst vor zwei Jahren mit Unterstützung der Hertie-Stiftung gegründet wurde. Zwar machten die Untersuchungen mit Kernspintomografen Fortschritte, doch sei es selbst bei der Früherkennung geschädigter Hirnzellen fast schon zu spät. Deshalb käme der Erforschung zielgerichteter Prävention zunehmende Bedeutung zu. Bislang wird hier wie bei Herz-Kreislauferkrankungen nur gesunde Lebensweise mit fettarmer Ernährung und Bewegung empfohlen.

Als für die Zukunft vielversprechendsten Ansatz sieht Junker eine Impfung, bei der die Patienten gegen das so genannte Beta-Amyloid immunisiert werden. Dieses Eiweiß lagert sich im Gehirn des Patienten ab und gilt mit hoher Wahrscheinlichkeit als Auslöser der Demenz. An Mäusen testeten Forscher bereits erfolgreich einen Stoff, der das abgelagerte Amyloid im Gehirn wegätzt.

Wichtig ist wie bei jeder Therapie, dass so früh wie möglich behandelt wird. Bis eine Impfung möglich ist, werden aber noch viele Jahre vergehen. Junker selbst forscht daran, wie die krankhafte Form des Beta-Amyloid beschaffen ist und welche Umweltfaktoren möglicherweise für die krankhafte Ausprägung verantwortlich sein könnten.

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