Hannoveraner Medizinern gelingt ein erfolgreicher Eingriff bei einem vier Monate alten Säugling
Implantat bringt das Gehör zurück

Kurz nach seiner Geburt erkrankte Kevin an einer Hirnhautentzündung – der Säugling verlor das Gehör. Dank eines High-Tech-Geräts wird er Stimmen, Geräusche und Musik trotzdem wieder wahrnehmen können. Vor neun Tagen setzten Ärzte der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) dem inzwischen gut vier Monate alten Kind zwei wenige Zentimeter große Hörhilfen, so genannte Cochlea-Implantate (CI), in den Schädelknochen ein. Gestern zogen die Mediziner eine erste Bilanz.

HB HANNOVER. „Kevin ist nach unserem Wissensstand der weltweit jüngste Patient, der beidseitig die elektronischen Hörprothesen erhalten hat“, sagte Thomas Lenarz, Direktor der Hannoveraner HNO-Klinik. Das MHH-Team habe sich laut Lenarz„langsam an dieses Alter heran getastet“. Zwar werde heute bereits die Hälfte der unter Dreijährigen Gehörlosen operiert. Bei Säuglingen unter sechs Monaten steige jedoch die Gefahr von Komplikationen. Ihr Körper besitzt kaum mehr als 300 Milliliter Blut, die Lunge ist schwächer als die älterer Kinder und sie sind schlechter in der Lage, ihre Körpertemperatur zu regulieren. Die Operation beider Ohren dauert im Schnitt rund vier Stunden.

Bei dem Cochlea-Implantat handelt es sich um eine Neuroprothese, die die Rolle defekter Haarzellen in der Schnecke des Innenohrs, der Cochlea, übernimmt. Die Haarzellen übersetzen Klangschwingungen in elektrische Signale, die anschließend über den Hörnerv an das Gehirn weitergeleitet werden. Im Falle einer kompletten Taubheit sind sämtliche Haarzellen zerstört – der von außen eindringende Ton erreicht zwar das Innenohr, wird aber nicht mehr in ein elektrisches Signal übersetzt. An dieser Stelle kommt das Implantat zum Einsatz. Sein Elektrodenbündel wird in die Cochlea eingeführt und übernimmt die Funktion der Haarzellen.

Während der Operation schieben die Ärzte eine zehn Zentimeter lange Elektrode – eine Art biegsamen Draht – in die Schnecke des Ohres, die dann später die Hörnerven an mehreren Stellen stimuliert. Wichtig für die Patienten: Der Sprachprozessor lässt sich immer wieder auf den neuesten Stand der Technik bringen. Denn, wenn das Implantat eingewachsen ist, soll es dem Träger möglichst viele Jahre lang helfen, die Umwelt wahrzunehmen. „Einige unserer Patienten leben bereits seit mehr als 20 Jahren mit dem Gerät“, sagt Oberarzt Burkard Schwab, der Kevin operiert hat. Da das Implantat nicht mitwächst und ein späterer Austausch wenig sinnvoll ist, gibt es keine speziell auf das kindliche Ohr zugeschnittenen Varianten.

Die Geräte gelten als robust: Bei Erwachsenen beträgt die Wahrscheinlichkeit eines Ausfalls knapp zwei Prozent, bei Kindern sind es drei Prozent. Rund 2 700 CI-Patienten behandelt die MHH pro Jahr. Ganz risikolos sind die Eingriffe jedoch nicht. So wies die US-amerikanische Aufsichtsbehörde Food and Drug Administration (FDA) vor zwei Jahren auf ein möglicherweise erhöhtes Risiko von Hirnhautentzündungen bei Empfängern von Cochlea-Implantaten hin. Diese würden vor allem durch Pneumokokken verursacht. Es sei zurzeit noch unklar, um welches Ausmaß Cochlea-Implantate das Risiko einer Hirnhautentzündung erhöhen, schreiben die Forscher vom Nationalen Referenzzentrum für Streptokokken am Institut für Medizinische Mikrobiologie der RWTH Aachen. Allerdings lasse sich das Risiko durch entsprechende Impfungen verringern.

Trotz möglicher Komplikationen überwiegen die Vorteile einer Operation. Das zeigt beispielsweise eine Studie des Cochlea-Implantationszentrums der Universitätsklinik im schweizerischen Genf. Danach konnte jedes zweite von insgesamt 1 900 untersuchten Kindern mit Cochlea-Implantat ab dem zweiten Jahr Sprache erkennen. „Diese Kinder machen während der gesamten Beobachtungszeit stetig Fortschritte“, heißt es weiter.

Trotz der Erfolge bei der Behandlung von Gehörlosigkeit ist das Cochlea-Implantat in der Öffentlichkeit wenig bekannt. Nach Angaben der Deutschen Cochlea-Implantat- Gesellschaft haben rund 6 000 Menschen in Deutschland ein CI, über 40 000 sind potenzielle Patienten. Kosten kämen nicht auf sie zu, wenn sie sich für den Eingriff entschieden. Die rund 45 000 Euro teure Operation wird vollständig von den Krankenkassen übernommen – ebenso wie die Kosten für die anschließende 40-tägige Rehabilitation und die drei Jahre dauernde Frühförderung bei Kindern.

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