HIV in Haiti
„Ich bin nicht krank, ich bin infiziert“

Mitte der 80er Jahre galt Haiti als eines der am stärksten von Aids bedrohten Länder der Erde. Experten prophezeiten, dass bis zu einem Drittel der Bevölkerung von der Immunschwäche dahingerafft würde. Doch es kam anders: Die Bekämpfung der Krankheit hat sich zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt – und das in einem Land, in dem sich die meisten Menschen keine medizinische Versorgung leisten können.
  • 0

HB BLANCHARD/HAITI. Nachdem Ärzte bei der damals 20-jährigen Micheline Leon die HIV-Infektion diagnostiziert hatten, wollten ihre Eltern schon einen Sarg bestellen. 15 Jahre später sitzt die Frau in ihrem Haus im Zentrum von Haiti und schaut ihren vier Kindern zu, die draußen zwischen Bananenstauden spielen. Die drei Söhne und die Tochter kamen nach der Diagnose zur Welt, aber keines von ihnen trägt das Virus.

„Die Leute sagen, ich sei krank, aber das stimmt nicht“, sagt die 35-Jährige. „Ich bin infiziert.“ Die Geschichte der Frau gleicht in vielen Aspekten der HIV-Entwicklung in Haiti, einem der ärmsten Länder der Erde. Die unheimliche Krankheit trat Anfang der 80er Jahre in den USA gehäuft bei haitianischen Migranten auf, die vor der Diktatur geflohen waren. Damals prophezeiten Experten, Aids werde ein Drittel der Bevölkerung des Karibikstaates dahinraffen.

Stattdessen blieb die Infektionsrate im einstelligen Bereich und sank dann - trotz Naturkatastrophen, politischer Wirren und sozialer Unruhen. Derzeit sind 2,2 Prozent der Menschen zwischen 15 und 49 Jahren infiziert. Das ist zwar mehr als in Industrieländern, aber weniger als in andere Staaten der Region wie etwa den Bahamas, Guyana oder Surinam. Im südlichen Afrika liegen die Werte bei rund fünf Prozent, in Botsuana sogar bei 24 Prozent.

Der Erfolg in Haiti basiert Experten zufolge vor allem auf Hilfsorganisationen, die ihre Projekte gezielt auf die speziellen Herausforderungen des Landes zuschnitten. Dazu zählen die Bostoner Gruppe Partners in Health oder das Gheskio-Krankenhaus in der Hauptstadt Port-au-Prince, das als älteste Aids-Klinik der Welt gilt. „Die haitianische Aids-Gemeinschaft glaubt, dass sie allen anderen weit voraus sind, und das stimmt weitgehend“, sagt Judith Timyan von der US-Behörde für Entwicklungshilfe. „Sie leisten weltweit mit die beste Arbeit.“

Anfangs trugen vor allem zwei Faktoren dazu bei, die Zahl der Patienten gering zu halten: Die sofortige Schließung privater Blutbanken und die hohe Aids-Sterberate. Unbehandelte Infizierte sterben in Haiti acht Jahre früher als in den USA. Später verhinderten gezielte Aufklärung, die Versorgung mit Aids-Medikamenten und der verstärkte Gebrauch von Kondomen, dass sich die Krankheit ausbreitete. Die Rate der infizierten Schwangeren halbierte sich von 1993 bis 2003 von 6,2 auf 3,1 Prozent.

Seite 1:

„Ich bin nicht krank, ich bin infiziert“

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%