Immer mehr Staaten horten Medikamente zur Bekämpfung von Grippeviren
Die Angst vor einer Pandemie wächst

Mit der zunehmenden Verbreitung der Vogelgrippe in Vietnam wächst die Angst vor einer weltweiten Grippe-Epidemie. Weil Impfstoffe erst hergestellt werden können, wenn sich ein solcher Virus über die Kontinente verbreitet, horten jetzt immer mehr Staaten Medikamente, mit denen sie die Zeit überbrücken können, bis ein geeigneter Impfstoff zum Schutz der Bevölkerung zur Verfügung steht.

hsn/pt/shf DÜSSELDORF. In der ersten Märzwoche ist in Vietnam bereits der 14. Mensch innerhalb von neun Wochen an der Vogelgrippe gestorben. Die Übertragung der Vogelviren auf den Menschen sei ein Warnsignal für eine bevorstehende, folgenschwere weltweite Grippewelle, warnen immer Experten. Sobald sich diese Viren uneingeschränkt von Mensch zu Mensch verbreiten könnten, sei eine weltweit Grippewelle kaum mehr aufzuhalten. Solche weltweite Epidemien kommen im Durchschnitt etwa alle 27 Jahre vor. Die letzte Pandemie war 1968.

Die Produktion eines Impfschutzes gegen einen plötzlich auftretenden aggressiven Virus würde bis zu einem halben Jahr dauern. Pharmahersteller züchten die Viren zurzeit noch in einem aufwendigen Verfahren in Hühnereiern. Neuere gentechnische Methoden werden zwar entwickelt, sie sind aber bislang noch nicht zugelassen.

Auf Drängen der Weltgesundheitsorganisation WHO haben daher inzwischen eine ganze Reihe von Staaten den Aufbau von Medikamentenvorräten forciert, mit denen die Zeit bis ein Impfschutz verfügbar ist, überbrückt werden kann. Im Vordergrund stehen dabei im wesentlichen zwei Wirkstoffe aus der Gruppe der Neuraminidase-Hemmer, das vom Schweizer Roche-Konzern hergestellte Mittel Tamiflu sowie das Medikament Relenza von der britischen Glaxo-Smithkline.

Roche hat nach eigenen Angaben inzwischen mit zwölf Staaten Lieferverträge vereinbart und führt mit einem weiteren Dutzend Länder Verhandlungen über die Lieferung von Tamiflu-Vorräten. Anfang März orderte das britische Gesundheitsministerium 14,6 Millionen Einheiten des Mittels. Bereits im vergangenen Jahr kauften unter anderem Frankreich und Australien größere Mengen des Medikaments. Beobachter gehen davon aus, dass der Pharmakonzern inzwischen auch mit den USA Gespräche führt.

Im vergangenen Jahr erzielte Roche mit Tamiflu einen Umsatz von 330 Mill. Sfr (214 Mill. Euro). Nachdem die Produktionskapazitäten für den komplizierten Wirkstoff im vergangenen Jahr bereits verdoppelt wurde, soll er nun noch weiter ausgebaut werden. Glaxo-Smithkline hat bislang lediglich eine steigende Nachfrage nach Relenza bestätigt, darüber hinaus aber keine Informationen über Sonderlieferungen gegeben.

Die Neuraminidase-Hemmer entfalten ihre Wirkung, indem sie einen bestimmten Eiweißstoff – die Neuraminidase – auf der Oberfläche von Grippeviren blockieren. Dadurch werden die Viren zwar nicht abgetötet, aber daran gehindert, neue Zellen zu infizieren. Tamiflu zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es als Pille eingenommen werden kann, während Relenza lediglich als Spray zur Verfügung steht und daher bei Menschen mit Atemwegsproblemen nicht wirkt.Zudem hat Tamiflu zumindest in Tierversuchen eine Wirksamkeit gegen das Vogelgrippe-Virus „H5N1“ unter Beweis gestellt. Daher betrachtet die WHO im Falle einer Pandemie den Wirkstoff als Mittel der Wahl und empfiehlt, Vorräte für mindestens 20 Prozent der Bevölkerung aufzubauen.

In Deutschland wird seit sechs Jahren zwischen dem Bund und den für den Katastrophenschutz zuständigen 16 Bundesländern über einen Notfallplan verhandelt. Die Ländergesundheitsminister wollen jetzt bis zum Sommer ein Ergebnis erzielen. Bislang hat sich die Bund-Länder-Arbeitsgruppe lediglich zur Empfehlung durchgerungen, ein Tamiflu-Lager für medizinisches Personal und wichtige Funktionsträger einzurichten. Eine Einigung scheitert vor allem am Geld. So pocht der Bund auf die Zuständigkeit der Länder. Damit droht hier zu Lande erstmals in der Geschichte der Grippepandemien ein medizinisch wirksamer Schutz der Bevölkerung am Föderalismusstreit zu scheitern.

Weiterführende Links: Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat auf ihren Seiten unter undefined eine Checkliste veröffentlicht, wie sich die einzelnen Staaten auf eine Pandemie vorbereiten sollten. Der Bericht kann als pdf-Dokument unter www.who.int/csr/resources/publications/influenza /WHO_CDS_CSR_GIP_2005_4/en aus dem Netz geladen werden.

Was aus deutscher Sicht gegen eine Pandemie vorbeugend getan werden kann, hat das Robert-Koch-Institut in einer gemeinsamen Empfehlung des Bundes und der Länder zusammengefasst und ebenfalls ins Netz gestellt. Der Nationale Influenzapandemieplan kann unter www.rki.de/cln_006/nn_226554/DE/Content/InfAZ/I/Influenza/

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