Internationale Allianz entwickelt neue Wirkstoffe
Verstärkter Kampf gegen Tuberkulose

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat den Mykobakterien den Kampf angesagt.Um neue Wirkstoffe schneller verfügbar zu machen, haben sich Experten mehrerer staatlicher Forschungseinrichtungen, großer Pharmafirmen und Vertreter zahlreicher Nicht-Regierungsorganisationen zu der internationalen Allianz „Stop TB“ zusammengeschlossen.

DÜSSELDORF. Tuberkulose – im Volksmund auch Schwindsucht genannt – ist wieder auf dem Vormarsch. Die Infektionskrankheit, die voreilige Ärzte bereits in den 70er-Jahren für ausgerottet hielten, verbreitet sich nicht nur in den Entwicklungsländern rasant, sondern auch in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion (NUS). Seit 1990 hat sich dort die Sterblichkeit an Tuberkulose nahezu verdreifacht – auf 20 pro 100.000 Einwohner. Hinzu kommt, dass in den NUS der weltweit höchste Anstieg von HIV/Aids beobachtet wird. „Weil das durch HIV geschwächte Immunsystem dem Tuberkuloseerreger kaum etwas entgegenzusetzen hat, ist gerade in diesen Ländern eine weitere Zunahme der Tuberkulose zu befürchten“, bringt Reinhard Kurth, der Präsident des Robert Koch-Instituts in Berlin, das Problem auf den Punkt.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat daher den Mykobakterien den verstärkten Kampf angesagt. „Es gibt aussichtsreiche Kandidaten für neue Medikamente“, sagt Clifton Barry, Leiter der Tuberkulose-Forschung am Nationalen Institut für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID) in Washington. Um die neuen Wirkstoffe schneller verfügbar zu machen, haben sich vor kurzem Experten mehrerer staatlicher Forschungseinrichtungen, großer Pharmafirmen und Vertreter zahlreicher Nicht-Regierungsorganisationen zu der internationalen Allianz „Stop TB“ zusammengeschlossen.

„Mit den zur Verfügung stehenden Medikamenten ist die Tuberkulose nicht mehr in den Griff zu bekommen“, erläutert Barry. Ein Drittel der Weltbevölkerung ist mit dem Bakterium bereits infiziert. Alle 15 Sekunden stirbt ein Mensch an Tuberkulose. Einen Grund für die Zunahme der Krankheit sieht der Forscher in der komplizierten und langwierigen Behandlung. Als Standardtherapie gilt eine Kombination von anfangs vier Medikamenten, nach zwei Monaten von zwei Medikamenten. Insgesamt dauert die Behandlung mindestens sechs Monate, in besonderen Fällen sogar bis zu zwei Jahre. Wird die Therapie früher abgebrochen, können die Mykobakterien überleben und Resistenzen bilden. Die Behandlung wird dann erheblich teurer und ist oft mit größeren Nebenwirkungen verbunden.

Antibiotikaresistenzen bei Tuberkulose-Erregern sind weltweit verbreitet, und in einigen Regionen – darunter Osteuropa – haben sie erschreckende Ausmaße angenommen. Die Hoffnungen bei der Behandlung von resistenten Tuberkulose-Erregern ruhen zurzeit auf einer Substanz mit der Bezeichnung „PA-824“, die von Forschern der kleinen US-Firma PathoGenesis in Seattle entdeckt wurde. Die Substanz verhindert, dass sich die Erreger mit einem schützenden Mantel aus Fettmolekülen umgeben kann. Das Immunsystem hat nun beim Kampf gegen den geschwächen Eindringling bessere Chancen.

In Versuchen mit Mäusen und Affen vermochte der neue Wirkstoff sowohl die sich vermehrenden als auch die ruhenden Mykobakterien abzutöten, berichtet Tuberkulose- Experte Barry. „PA-824“ sei auch gegen jene Keime wirksam, die resistent gegenüber den gängigen Mitteln sind. Der Wirkstoff ist weder toxisch, noch scheint es negative Wirkungen auf das Hormonsystem zu geben. Bislang ungeklärt ist jedoch, ob er bei Menschen die gleiche Wirksamkeit besitzt, das Behandlungsschema vereinfacht und wirtschaftlich in großen Mengen herzustellen ist.

Die TB-Allianz hat die Lizenz an dem neuen Wirkstoff erworben und will ihn jetzt am neu gegründeten Novartis Institut für Tropenerkrankungen (NITD) in Singapur zu einem Medikament auf Non-Profit-Basis weiter entwickeln. Er soll Menschen in Entwicklungsländern zum Selbstkostenpreis zur Verfügung stehen, sagt Paul Herrling, Vorsitzender des NITD.

Doch auch andere Wirkstoffe sind Erfolgversprechend, darunter das zur Behandlung von Lungenentzündungen zugelassene Antibiotikum Moxifloxacin der Bayer AG und die im südkoreanischen „Institute of Chemical Technology“ in Taejon entwickelte Substanz „KRQ-10018“. Erste klinische Studien sind bereits angelaufen.

Langfristig sei auch eine bessere Schutzimpfung denkbar, so Thomas Gazlig, Sprecher der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung. Eine gentechnisch veränderte Form des seit 1921 verwendeten Lebendimpfstoffs BCG soll voraussichtlich im Herbst 2005 an gesunden Menschen in Deutschland auf seine Verträglichkeit getestet werden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%