Kardiologie
Fortschritt im Kampf gegen den Herzinfarkt

Eine neue Diagnosemethode hilft Medizinern, Herzrhythmusstörungen besser einzuschätzen. Mit Magnetfeld-Imaging können Ärzte das verästelte Reizleitungssystem im Herzmuskel detailliert auf seine Funktion prüfen. Die ersten Unternehmen bieten die passenden Geräte bereits auf dem Markt an.
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BERLIN. Die Methode erinnert an einen Check der Autoelektronik - nur werden nicht Kabelbäume, Steuergerät und Zündverteiler, sondern das Herz unter die Lupe genommen. Die Rede ist vom Magnetfeld-Imaging (MFI), einer neuen diagnostischen Technik, die mit hochsensiblen Sensoren das verästelte Reizleitungssystem im Herzmuskel detailliert auf seine Funktion prüft. Die ersten Unternehmen bieten solche Geräte bereits auf dem Markt an. Ärzte hoffen, dass die neue Technik eine bessere Einschätzung von Herzrhythmusstörungen möglich macht und so die Gefahr eines Herzinfarkts reduziert.

Besonders vor der Implantation eines sogenannten Defibrillators könnte eine MFI-Untersuchung wertvolle Zusatzinformationen liefern. Die etwa streichholzschachtelgroßen Implantate geben bei lebensgefährlichen Herzrhythmusstörungen Stromstöße ab, die das Herz wieder in Takt bringen. Das Problem: Kardiologen können bislang nur schwer vorhersagen, welcher Patient von einem solchen Implantat profitiert und welcher nicht.

Per Ultraschall messen sie die Pumpleistung des Herzens, wird ein bestimmter Schwellenwert unterschritten, gilt die Implantation laut Leitlinien als sinnvoll. Studien haben jedoch gezeigt, dass 80 Prozent der jährlich etwa 30 000 eingepflanzten Defibrillatoren nie zum Einsatz kommen. Vier von fünf Patienten könnten demnach theoretisch auf den Eingriff verzichten. Viele weitere Patienten liegen über dem Richtwert, sterben dann aber trotzdem am plötzlichen Herztod. Ihnen hätte die neue Technik möglicherweise das Leben retten können.

Um Patienten für eine Implantation eines Defibrillators besser selektieren zu können, haben sich Kardiologen der Hamburger Asklepios Klinik St. Georg ein MFI-Gerät der Jenaer Firma BMDsys zugelegt. Das Gerät misst die Magnetfelder, die von den elektrischen Strömen im Herzmuskel erzeugt werden. Eine technische Herausforderung, denn die relevanten Feldstärken liegen im Bereich von Pikotesla - gerade einmal ein Millionstel des Erdmagnetfeldes.

Das System von BMDsys verfügt über 55 hochsensible Sensoren, die selbst feinste Veränderungen der Magnetfelder wahrnehmen. Aus den Signalmustern, die von dem Gerät in Grafiken und Kurven visualisiert werden, können Kardiologen dem Unternehmen zufolge auch geringfügige Störungen der Herzfunktion herauslesen.

"Für den Patienten ist die Untersuchung vollkommen risikofrei", sagt Kardiologe Tobias Tönnis von der St. Georg Klinik. In unklaren Fällen, also wenn die Ultraschallwerte für die Pumpleistung nah am Schwellenwert für eine Implantation liegen, ziehen die Kardiologen der Klinik das Magnetfeld-Imaging inzwischen als zusätzliche Entscheidungshilfe heran. Trotzdem sei noch unklar, welche Bedeutung dem Verfahren letztendlich zukommen werde. "Die Methode muss ihren endgültigen diagnostischen Wert erst unter Beweis stellen", warnt Tönnis vor zu hohen Erwartungen. Erst dann könnten die Mediziner sich ganz auf das neue Diagnosesystem verlassen.

Auch Hans Koch, der an der Physikalisch Bundesanstalt-Technischen medizinische Geräte evaluiert und sich intensiv mit der Analyse biomagnetischer Signale auseinandergesetzt hat, will erst weitere Beweise für die diagnostische Genauigkeit sehen. Sein Institut nutzt selbst ein Forschungsgerät zur Messung der magnetischen Herzsignale. Die Methode habe aber Potenzial, glaubt der Wissenschaftler, der auch bereits zahlreiche Studien mit Patienten durchgeführt hat. Allerdings seien weitere Studien unabdingbar.

"Das zieht sich hin", sagt Koch. In der Vergangenheit habe es schon mehrere Versuche gegeben, das Verfahren in die klinische Praxis einzuführen. Diese scheiterten allerdings an technischen Problemen: Die Rechenleistung war bis vor wenigen Jahren zu gering, um die - für damalige Verhältnisse - großen Datenmengen in kurzer Zeit zu verarbeiten. Zudem müssen die Geräte von der Außenwelt abgeschirmt werden, damit keine elektromagnetischen Störquellen die Ergebnisse verfälschen. Erste Forschungsgeräte wurden deshalb in speziellen Gebäuden mit meterdicken Wänden aus Stahl und Beton aufgestellt, was Kosten in Millionenhöhe verursachte.

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