Krebsforschung
Studie: Allergiker erkranken seltener an Krebs

Keine Frage, Heuschnupfen ist eine üble Quälerei. Doch neuerdings halten Forscher einen erstaunlichen Trost für geplagte Allergiker bereit: Sie erkranken seltener an Krebs. Auf der Basis dieser natürlichen Tumorabwehr entwickeln Wissenschaftler neue Therapien.

DÜSSELDORF. Wer in Zeiten des Pollenflugs mit dicker Nase und roten Augen durchs Leben gehen muss, wird in dieser Nachricht vielleicht Trost finden: Allergiker erkranken seltener an Krebs. Gar um 18 Prozent geringer sei die Gefahr für bösartige Wucherungen bei Patienten mit Asthma und Heuschnupfen, verkündete die kanadische Allergologin Michelle Turner von der Universität Ottawa, nachdem sie die Angaben von 1,2 Millionen Allergikern ausgewertet hatte. Auch Heuschnupfen alleine senkte das Risiko für alle Krebsarten. Allergiker, die dennoch erkrankten, erlagen den Tumoren immerhin seltener. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Allergien behandelt wurden oder nicht.

„Es gibt signifikante Hinweise, dass Allergiker seltener an Tumoren leiden“, bestätigt Erika Jensen-Jarolim, Immunologin an der Medizinischen Universität Wien. Der Zusammenhang zwischen den beiden Krankheiten, die augenscheinlich nichts miteinander gemeinsam haben, hat sie nicht mehr losgelassen. Vor zwei Jahren begründete die 48-Jährige die neue Disziplin der Allergoonkologie, der sich nunmehr eine Handvoll Forschergruppen weltweit angeschlossen hat.

Zwei internationale Tagungen hat die Wienerin ausgerichtet; seit kurzem leitet sie eine Allergoonkologie-Arbeitsgruppe in der Weltallergieorganisation, und im Oktober erscheint in der Fachzeitschrift „Allergy“ der erste Übersichtsartikel. Marketing im Dienst der Wissenschaft gehört für Jensen-Jarolim dazu: „Ich sehe meine Aufgabe auch darin, Politik zu machen, den Begriff der Allergoonkologie zu propagieren und damit Studien zu ermöglichen.“

Sie vermutet nämlich, dass das Immunsystem mit einer ähnlichen Strategie gegen Krebs vorgeht wie gegen die eigentlich harmlosen Auslöser einer Allergie. Bei Heuschnupfen sind es IgE-Antikörper, die auf die Eiweiße der Pollen ansprechen und die leidigen Beschwerden hervorrufen. Davon abgesehen gelten sie jedoch als unnütz. Eine Theorie, die die Wiener Forscherin bezweifelt: „Wozu habe ich diese Antikörper, wenn sie nur krank machen? Das kann nicht im Interesse der Natur sein.“ Sie ist überzeugt, dass die IgE-Vertreter des Immunsystems eine Funktion haben. Und zwar, Krebs zu verhindern.

Ihre Gewissheit nährt sich aus Funden an Krebsopfern einerseits und Tierstudien andererseits. Im Gewebe von Patienten mit Kopf- und Halstumoren fand man erhöhte Konzentrationen an IgE-Antikörpern. Jensen-Jarolim hält sie für Spuren eines Abwehrkampfes des Immunsystems gegen den Krebs. Mittlerweile konnten sie und andere Gruppen auch nachweisen, dass IgE-Antikörper gegen Krebszellen gerichtet werden können.

Als das österreichische Team Mäuse mit abgewandelten Brustkrebs-Eiweißen fütterte, bildeten die Tiere spezifische IgE-Antikörper gegen Krebs, die einen Tumor in der Petrischale wirksam bekämpften. Damit die Antikörper erzeugt werden, muss allerdings der Magensaft der Tiere mit Medikamenten neutralisiert werden. Nur so wandern die Eiweiße unverdaut in den Darm – die Voraussetzung für die Entstehung von IgE-Antikörpern.

Nach einem ähnlichen Prinzip entstehen schwere Nahrungsmittelallergien: Wenn Proteine unverdaut den Magen passieren, reifen spezifische IgE-Antikörper gegen das Nahrungseiweiß. „Wir haben uns den Allergiemechanismus für diese Schluckimpfung zunutze gemacht“, erklärt Jensen-Jarolim.

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