Krebstherapie
Grenzen der Tumortherapie

Forscher warnen vor Nebenwirkung bei Krebsbehandlung: Einzelne Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Wirkstoffe den Nebeneffekt haben könnten, die Bildung von Metastasen zu stimulieren. Als eine mögliche Ursache gilt die molekularen Reaktion der Krebszellen, die es ihnen erlaubt, in der Nachbarschaft von anderen Organen zu leben.
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FRANKFURT. Krebspatienten weltweit setzen große Hoffnungen auf die Entwicklung neuer Medikamente. Auf der Jahrestagung der American Society for Clinical Oncology (ASCO) diskutierten Forscher am Wochenende aber nicht nur über die Chancen von neuen Therapiekonzepten, sondern auch über deren Grenzen. Denn auch die neuen zielgerichteten Wirkstoffe können Krebspatienten nicht heilen, sondern den Tumor nur stoppen. Die Krux: Je größer das Verständnis von den Krebszellen, desto komplizierter erscheint der Weg zur Therapie.

Ein typisches Beispiel dafür bieten sogenannte Angiogenese-Blocker - eine Wirkstoffklasse, die in den vergangenen Jahren für Furore sorgte, inzwischen erhebliche Umsätze verbucht, von manchen Onkologie-Experten aber auch mit wachsender Skepsis betrachtet wird. Es zeichnet sich ab, dass die Substanzen letztlich nur ein Baustein in der Krebsbehandlung sein können und durch zusätzliche Wirkstoffe ergänzt oder gar ersetzt werden sollten.

Angiogenese-Blocker hemmen molekulare Mechanismen, mit deren Hilfe Tumore das Wachstum von Blutadern anregen und damit ihren steigenden Nährstoffbedarf sichern. Prominentester Vertreter ist das Krebsmittel Avastin von Roche, das mit 4,5 Mrd. Dollar Umsatz inzwischen zweiterfolgreichste Krebsmedikament der Welt und nach Ansicht vieler Analysten ein prädestinierter Bestseller, der schon in einigen Jahren zweistellige Milliardenerlöse einfahren wird. Avastin konnte unter anderem die durchschnittliche Lebenserwartung von Darmkrebspatienten verlängern und ist inzwischen für vier weitere Krebsarten zugelassen.

Auch die Nierenkrebsmedikamente Nexavar von Bayer sowie Sutent von Pfizer basieren teilweise auf dem Wirkprinzip. Die Substanzen, allen voran Avastin, werden inzwischen in zahlreichen weiteren Einsatzbereichen getestet. Und mehr als ein Dutzend zusätzlicher Angiogenese-Blocker dürfte sich in klinischer Entwicklung befinden. Dabei haben sich längst nicht alle Erwartungen erfüllt: In einem stark beachteten Test für die adjuvante, d.h. ergänzende Behandlung von Darmkrebspatienten nach einer Operation zeigte Avastin keine Vorteile, wie Roche vor wenigen Wochen einräumen musste.

Einzelne Studien deuten zudem darauf hin, dass die Blockade der Angiogenese den unangenehmen Nebeneffekt haben könnte, die Bildung von Metastasen zu stimulieren. Als eine mögliche Ursache gilt ein Mangel an Sauerstoff, auf den Krebszellen mit molekularen Veränderungen reagieren, die es erlauben, in der Nachbarschaft von anderen Organen zu leben.

Kritiker sehen die Wirkstoffklasse daher, ungeachtet der bisherigen Erfolge, in einer Art Sackgasse. "Wenn sich keine Blutgefäße ausbilden, wächst der Tumor zwar langsamer. Gleichzeitig vermehren sich aber verstärkt Tumorzellen mit metastasierendem Potenzial", so der Krebsforscher Axel Ullrich, Direktor am Max Planck Institut für Biochemie in München. Er beurteilt den Ansatz der Angiogenese-Hemmung und das Interesse der Pharmabranche an diesem Ansatz daher mit großer Skepsis.

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