Medien-Abhängigkeit
Wo süchtigen „Zockern“ geholfen wird

Hunderttausende Deutsche gelten als online- oder mediensüchtig, Tendenz steigend. Die neue Medienambulanz in Bochum kümmert sich um „Zocker“ und Betroffene - obwohl es die Diagnose „Onlinesucht“ offiziell gar nicht gibt.
  • 2

Im Alltag fühlen sie sich nutzlos, klein und ängstlich. Online hingegen sind sie große Krieger, erfolgreiche Strategen oder Zauberer, die magische Kräfte besitzen. Ganze Tage verbringen sie deswegen vor dem Rechner, zocken, bis es nichts anderes mehr gibt: Online- oder Mediensüchtige haben den Kontakt zur Außenwelt verloren, ziehen sich in sich selbst zurück, können nicht mehr arbeiten, geschweige denn im Alltag „funktionieren“.

Mehr als eine halbe Million Menschen in Deutschland gelten als medienabhängig, das heißt abhängig vor allem von Internet- und Computerspielen. Deren exzessive Nutzung bringt häufig Depressionen und soziale Ängste mit sich. Hilfe ist rar, Medienabhängigkeit gilt offiziell nicht als Krankheit, obwohl die Fälle seit Jahren zunehmen.

Seit wenigen Wochen gibt es in Bochum eine neue Anlaufstelle für Betroffene: Die Medienambulanz der psychosomatischen LWL-Universitäts-Klinik kümmert sich um Menschen, die sich in virtuellen Fantasiewelten verloren haben und den Weg allein nicht mehr zurückfinden.

In den allermeisten Fällen sind es junge Männer zwischen 16 und 26 Jahren, die die Ambulanz aufsuchen. „Unsere Patienten sind fast immer abhängig von Online-Rollenspielen, in die sie fliehen“, erklärt Privatdozent Dr. Bert te Wildt, der die Bochumer Einrichtung leitet.

Süchtig werden kann man aber auch nach Cybersex oder sozialen Netzwerken wie beispielsweise Facebook. „Letzteres wird in Studien beschrieben, in meiner Praxis habe ich aber noch niemanden erlebt, der wirklich facebook-süchtig war“, ordnet te Wildt, der sich in seinem Buch „Medialität und Verbundenheit“ mit dem Phänomen der Online-Sucht auseinandersetzt, ein.

Er geht davon aus, dass ein reges Sozialleben vor Mediensucht schützt. „Und vor allem die Nutzung von Facebook ergibt wenig Sinn, wenn ich kein reales Leben, keine Familie und Freunde habe, die ich auf meinem Profil präsentieren kann.“

Anders sieht es bei den „Zockern“ aus - denjenigen, die zwölf bis 14 Stunden täglich „World of Warcraft“ oder andere Online- oder PC-Games spielen. Sie vernachlässigen ihre Körperpflege, schlafen nicht mehr, bringen plötzlich nur noch schlechte Noten mit nach Hause oder gehen gar nicht mehr in die Schule, zur Lehrstelle oder Arbeit. „Sie verlieren die Kontrolle, können nicht mehr aufhören, auch wenn sie es versuchen“, beschreibt te Wildt. „Das ist dann ein eindeutiges Zeichen dafür, dass sich bereits eine Abhängigkeit entwickelt hat.“

Seite 1:

Wo süchtigen „Zockern“ geholfen wird

Seite 2:

Ein kalter Entzug bringt nichts

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%