Medikamentenforschung
Auf der Suche nach dem Depressions-Blockbuster

Heutige Antidepressiva wirken unspezifisch. Mediziner sehen zukünftige Therapiemöglichkeiten in der maßgeschneiderten Behandlung. Das Rennen der Konzerne um neue Wirkstoffe und Therapien ist in vollem Gang.

BERLIN. Für viele Depressive war es ein Schock. Ihre Medikamente seien größtenteils unwirksam, titelten vor kurzem die Medien und verwiesen auf eine US-Studie. Deutsche Experten wehrten sich: Viele Untersuchungen untermauerten die Wirksamkeit von Antidepressiva. Aber auch hierzulande sehen Psychiater Nachbesserungsbedarf. Ihre Kritik: Viele Medikamente wirken erst nach Wochen - und das auch nicht bei jedem Patienten. Wer schließlich die passende Pille gefunden hat, muss oft starke Nebenwirkungen in Kauf nehmen.

Das liegt daran, dass heutige Antidepressiva immer noch unspezifisch wirken. Die häufigsten Wirkstoffe, die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), erhöhen die Konzentration des Botenstoffs Serotonin im Gehirn. Dieses Hormon verbessert zwar die Stimmung und wirkt der Antriebslosigkeit entgegen, es hat aber auch eine Reihe weiterer Funktionen. Eine Manipulation des Serotonin-Spiegels bringt deshalb zahlreiche unerwünschte Effekte mit sich. Übelkeit, Schwindel, Schlafstörungen und sexuelle Unlust sind oft der Preis für die Stimmungsaufhellung.

Eine Lösung bieten neue Substanzen, die einen präziseren Eingriff in die Chemie der Psyche ermöglichen. "Viel versprechend sind vor allem Wirkstoffe, die gezielt in die Stressachse eingreifen", sagt Florian Holsboer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. Die These: Bei einer Depression sorgt der Botenstoff CRH dafür, dass Stresshormone den Körper überfluten. Hier setzen neue Wirkstoffe an. Sie blockieren den Rezeptor, den CRH nutzt, um das Stresssignal weiterzuleiten. "Davon erhoffen wir uns eine wesentlich höhere Wirksamkeit und ein schnelleres Ansprechen auf die Behandlung", sagt der Depressionsexperte Mazda Adli von der Berliner Universitätsklinik Charité.

Die Pharmafirmen arbeiten mit Hochdruck an den neuen Medikamenten: Bristol-Myers Squibb, Janssen-Cilag, Glaxo-Smith-Kline, Merck, Pfizer - beinahe alle großen Unternehmen entwickeln derzeit CRH-Blocker. Allerdings gab es schon erste Rückschläge: Janssen-Cilag musste ein Projekt abbrechen, weil einige Patienten erhöhte Leberwerte aufwiesen. "Für eine zuverlässige Einschätzung liegen noch nicht ausreichend viele klinische Daten vor", sagt Holsboer.

Dennoch: Die Forschung nach einem CRH-Blocker ist der vielversprechendste Ansatz bei der Suche nach einer neuen Glückspillen-Generation. Auch die Arzneimittelhersteller lassen sich nicht entmutigen. Ein wirksames und sicheres Antidepressivum lockt mit dem Potenzial zu einem neuen Blockbuster. Analysten siedeln das weltweite Marktvolumen für Antidepressiva derzeit in zweistelliger Milliardenhöhe an. Allein in Deutschland setzten die Firmen 2005 etwa 440 Mill. Euro mit den Mitteln um - Tendenz steigend.

Der Griff zur Pille wird zum Alltag. Seit die ersten SSRI 1990 auf den deutschen Markt kamen, haben sich die Verschreibungszahlen von Antidepressiva verdreifacht. Jede fünfte Frau bis zum Alter von 55 Jahren erhält einmal die Diagnose "Depression", ergab eine Studie der Gmünder Ersatzkasse. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass Depressionen bis 2020 in den Industrieländern zur zweithäufigsten Krankheit nach Herz-Kreislauf-Problemen werden.

Von dem Gedanken, einen Blockbuster für alle Patienten entwickeln zu können, werden sich die Hersteller jedoch verabschieden müssen, sagt Holsboer. Wegen unterschiedlicher Gene und verschiedener Erkrankungsursachen spricht nicht jeder auf das gleiche Medikament an. Nur bei 60 Prozent der Patienten ist der erste Therapieversuch erfolgreich.

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