Medikamentenkonzentration
Pflaster verbessern Parkinsontherapie

Ein Hauptproblem der derzeitigen Parkinsontherapie könnten die Ärzte künftig besser in den Griff bekommen: Schwankungen in der Medikamentenkonzentration führen bei vielen Patienten zu Bewegungs-Schwierigkeiten – Abhilfe schaffen sollen jetzt Wirkstoffpflaster, die Medikamente gleichmäßig abgeben.

BERLIN. Ziel der Parkinsontherapie ist es, einen möglichst gleichbleibenden Spiegel des Botenstoffes Dopamin oder ähnlich wirkender Substanzen im Gehirn herzustellen. Doch bei der gängigen Therapie schwankt die Konzentration des Wirkstoffes zum Teil erheblich. Das hat nicht nur akute Nebenwirkungen zur Folge. Mediziner vermuten hinter der ungleichmäßigen Nervenstimulation auch die Ursache für so genannte Dyskinesien, unwillkürliche schraubende Bewegungen, die nach mehreren Jahren Therapie auftreten.

Pflaster, die den Wirkstoff gleichmäßig abgeben, sollen helfen, solche motorischen Störungen hinauszuzögern. Das erste Pflaster von Schwarz Pharma ist in der EU bereits zugelassen, weitere Zulassungsanträge sind in Bearbeitung.

In Deutschland leiden derzeit rund 100.000 Menschen an Parkinson. Auf Grund der steigenden Lebenserwartung rechnen Gesundheitsexperten für die Zukunft mit einer deutlichen Zunahme an Betroffenen. Parkinson ist eine Nervenerkrankung, bei der die Dopamin-produzierenden Zellen im Gehirn absterben. Der zunehmende Mangel an dem Botenstoff verursacht die typische Bewegungsarmut und das Zittern der Patienten.

Um den Mangel an Dopamin auszugleichen, verabreichen die Ärzte dessen chemische Vorstufe L-Dopa, das dann im Gehirn zu Dopamin umgesetzt wird. Doch der Botenstoff wird schnell abgebaut, weshalb die Patienten über den Tag verteilt mehrere Tabletten einnehmen müssen. Mangelnde Einhaltung der komplexen Einnahmeschemata und eine häufig unregelmäßige Aufnahme des Wirkstoffes über den Verdauungstrakt führen zu Schwankungen des Dopaminspiegels im Gehirn.

Um die daraus folgenden motorischen Störungen hinauszuzögern, wird L-Dopa unter anderem durch länger wirksame Dopamin-Alternativen wie Pramipexol von Boehringer-Ingelheim und Ropinirol von GlaxoSmithKline ersetzt, die den gleichen Rezeptor aktivieren. „Nach drei Jahren kommen aber 50 Prozent der Patienten nicht mehr ohne L-Dopa aus“, sagt Wolfgang Oertel, Direktor der Klinik für Neurologie der Universität Marburg und Vorsitzender des Kompentenznetzes Parkinson. Die Frage sei nun, ob die Verabreichung von Dopamin-Ersatzstoffen in Form von Wirkstoffpflastern die Gabe von L-Dopa länger hinauszögern könne.

Das Pflaster von Schwarz Pharma enthält den Wirkstoff Rotigotine. In Europa ist es bereits für die Behandlung von Parkinson im frühen Stadium zugelassen. „Die Patienten müssen das Pflaster lediglich einmal pro Tag auswechseln“, sagt Markus Rupp, Marketingleiter des Produktes. Neben der bequemen Anwendung habe man auch ein vorteilhaftes Nebenwirkungsprofil im Vergleich mit Dopamin-Ersatzstoffen in Tablettenform beobachtet. Vor allem die morgendliche „Off-Zeit“, während der die Patienten durch einen niedrigen Wirkstoffspiegel unbeweglich sind, sei durch das auch nachts wirksame Pflaster deutlich reduziert worden. Die Zulassung für ein höher dosiertes Pflaster für Patienten im fortgeschrittenen Stadium ist bereits beantragt. „Die Überprüfung durch die Behörden wird voraussichtlich bald abgeschlossen sein“, sagt Rupp.

Auch Neurobiotec hat ein Parkinson-Pflaster in Entwicklung. Der darin enthaltene, von Schering auf den Markt gebrachte Wirkstoff Lisurid ist bereits seit beinahe zwanzig Jahren als Parkinsonmedikament etabliert. „Wir haben uns die Rechte auf die Anwendung der Substanz in Pflasterform gesichert“, sagt Reinhard Horowski, Leiter der medizinischen Forschung bei Neurobiotec. Auch er berichtet von einer Reduktion der „Off-Zeit“ und geringeren Nebenwirkungen im Vergleich zu gängigen Medikamenten in Tablettenform. Das Unternehmen will den Zulassungsantrag Anfang 2007 vorlegen.

Die Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Wirkstoffen dürfte den Patienten zugute kommen, denn „der eine verträgt besser Lisurid, der andere Rotigotine“, sagt Wolfgang Oertel. Das Pflaster von Schwarz Pharma wendet der Neurologe bereits im klinischen Alltag an, „viele Patienten möchten es ausprobieren“, sagt er. Um Aussagen über einen Vergleich mit oralen Medikamenten zu treffen, fehlen ihm jedoch noch aussagekräftige Vergleichsstudien. Und auch der Einfluss der Pflaster auf die Entwicklung von Dyskinesien müsse über einen langen Zeitraum untersucht werden.

Viel versprechend scheint derzeit auch die Strategie, den Abbau von L-Dopa medikamentös zu hemmen und dadurch seine Wirksamkeit zu verlängern. So könnte auch bei der L-Dopa-Therapie ein gleichmäßigerer Wirkstoffspiegel erreicht werden. Neben den hierfür etablierten Medikamenten Entacapon von Orion Pharma und dem von mehreren Herstellern vertriebenen Wirkstoff Selegilin wurde auch Tolcapon von Valeant wieder zugelassen, und Lundbeck hat mit Rasagilin einen neuen Wirkstoff auf den Markt gebracht. Klinische Studien sollen nun zeigen, ob sich durch die Kombination dieser Medikamente mit L-Dopa Dyskinesien vermeiden lassen.

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