Medizin
Die Protein-Propheten

Bestimmte Eiweiße in Blut und Urin können Krankheiten verraten. Wissenschaftler glauben, dass sie mithilfe der Stoffe schwere Krankheiten diagnostizieren können - und forschen unter Hochdruck. Doch die Eiweiße sind schwer zu finden. Und auch Ärzte sind skeptisch. Ein wissenschaftliches Geduldsspiel.

DÜSSELDORF. Man stelle sich vor, in einem Haufen Quarzsand nach einem kleinen Diamantsplitter zu graben. Aussichtslos? Proteom-Forscher betreiben ein vergleichbares Geschäft. Sie suchen nach seltenen Proteinen in Körperflüssigkeiten, um mit ihnen vorherzusagen, was einem Menschen blüht - zum Beispiel ein entstehendes Krebsgeschwür.

Einer dieser Protein-Propheten ist Helmut Meyer, Leiter des Medizinischen Proteom-Centers an der Universität Bochum. Zusammen mit Pathologen der Universitäten Kiel und Tübingen hat er ein Verfahren entwickelt, das es erleichtern soll, die wenigen Proteinkandidaten im Blut zu finden, die für spätere Diagnoseverfahren relevant sind. Sein Kniff: Er sucht zunächst nicht im Blut, auch wenn dieses später einmal als Medium für den Routinenachweis vorgesehen ist.

Stattdessen durchforstet er das von der fraglichen Krankheit betroffene Gewebe. "Wir brauchen dazu genau 1000 Zellen der relevanten Sorte", sagt Meyer. "Sie werden unter dem Mikroskop aus einem hauchdünnen Gewebeschnitt präpariert, mit Hilfe einer Mikronadel kann man die passenden Zellen einzeln herauslösen." 1000 Zellen enthalten nur ein Tausendstelgramm Rohprotein, aber in einer hochspezifischen Mischung. "Wir markieren die Proteine mit einem Fluoreszenzfarbstoff, trennen sie der Größe nach und sehen so, welche Varianten bei kranken Zellen zu- oder abgenommen haben."

Dann werden die Proteinkandidaten identifiziert, um die dazu passenden Antikörper des Immunsystems suchen zu können. Diese Biomoleküle sind darauf spezialisiert, in Proteinmengen ihr Gegenstück zu finden - ideale Helfer auch für Bluttests. "Es gibt derzeit keine Technik, die Proteine in so feinen Konzentrationen aufspüren kann wie der passende Antikörper", sagt Meyer.

Mögliche Anwendungen für künftige Protein-Diagnosen sind zahlreich: Forscher in Bochum untersuchen Rückenmarksflüssigkeit, um daraus Parameter für beginnende neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer zu identifizieren. Am Max-Planck-Institut für Molekulare Medizin in Münster sucht man nach Alterungs-Proteinen, um die Lebenserwartung abzuschätzen. Freiburger Forscher versuchen, beginnende Arterienverkalkung nachzuweisen.

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