Medizin

Infizierte Nieren für die Organspende

Transplantationsmediziner in den USA beschreiten einen neuen Weg, um lange Wartezeiten auf ein Spenderorgan zu verkürzen: Sie nutzen Nieren von Verstorbenen, die an Hepatitis C litten. Ein riskantes Experiment.
Normalerweise werden mit Hepatitis C infizierte Organe nur Patienten transplantiert, die das Virus bereits selbst tragen. US-Ärzte wollen nun infizierte Organe auch für gesunde Patienten verwenden. Quelle: dpa
Organspende

Normalerweise werden mit Hepatitis C infizierte Organe nur Patienten transplantiert, die das Virus bereits selbst tragen. US-Ärzte wollen nun infizierte Organe auch für gesunde Patienten verwenden.

(Foto: dpa)

WashingtonNierenpatienten müssen in den USA mangels ausreichender Spenderorgane oft jahrelang auf eine Transplantation warten. Einige von ihnen können die Wartezeit nun dank eines aufsehenerregenden Experiments abkürzen: Sie willigen ein, eine mit Hepatitis C infizierte Niere zu erhalten.

Dass Ärzte wissentlich ein gefährliches Virus übertragen, mag fragwürdig klingen. Zwei führende Transplantationszentren sind jedoch überzeugt davon, dass diese Strategie Leben retten wird – sofern neue Medikamente, die eine Heilung von Hepatitis C versprechen, die Verwendung von Organen erlauben, die heute noch ungenutzt bleiben.

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Spendebereitschaft, aber keine Spender: Laut Umfragen stehen die meisten Bundesbürger der Organspende positiv gegenüber. Aber nur etwa 28 Prozent haben ihre Entscheidung in einem Organspendeausweis festgehalten. In den Krankenhäusern entscheiden in neun von zehn Fällen die Angehörigen über eine Organspende, weil der Verstorbene seine Entscheidung nicht mitgeteilt oder dokumentiert hat. Dies ist für viele Angehörige sehr belastend in einer ohnehin schon schwierigen Situation.

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Das Klinikum rechts der Isar in München: Organspendeskandale haben die Skepsis in der Bevölkerung gegenüber der lebensrettenden Praxis erhöht. Dabei ist die Organspende durch das Transplantationsgesetz klar geregelt. Kein Patient muss in Deutschland befürchten, wegen einer Organspende von den Ärzten zu früh aufgegeben zu werden.

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Klare Richtlinien: Damit Organe nach dem Tod entnommen werden können, müssen gemäß dem Transplantationsgesetz zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Es muss eine Zustimmung vorliegen und der Hirntod muss eindeutig festgestellt worden sein.

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Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP): Auch im Zusammenhang mit der öffentlichen Debatte um Unregelmäßigkeiten bei der Organverteilung an einzelnen deutschen Kliniken haben Vertreter von Bund und Ländern, Ärzte, Kassen und Krankenhäuser sowie die für Organspende und -transplantation zuständigen Einrichtungen über Reformen der Vergabepraxis in Deutschland diskutiert. Beispielsweise sollen Transplantationsbeauftragte Krankenhäuser besser unterstützen.

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Die letzte Rettung: Durch die Organspende gelingt es, schwer kranken Menschen zu helfen, deren eigene Organe versagen – etwa durch einen Unfall oder eine Krankheit. Die Transplantation ist häufig die einzige Therapie, die das Leben dieser Menschen noch retten kann oder deren Lebensqualität deutlich verbessert.

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Organtransplantation: Niere, Leber, Herz, Lunge, Pankreas und Dünndarm können von einem verstorbenen Spender auf einen Empfänger übertragen werden. Außerdem lassen sich Gewebe wie z.B. Hornhaut oder Knochen verpflanzen.

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Dramatische Entwicklung: Nach dem starken Rückgang der Organspenden in 2012 hat sich diese dramatische Entwicklung in 2013 noch weiter verschärft. Die Zahl der Organspender ist bundesweit um 16,3 Prozent von 1.046 Spender in 2012 auf lediglich 876 gesunken.

Derzeit laufen an der Universität von Pennsylvania in Philadelphia und der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore Pilotstudien, um die Transplantation von Nieren Verstorbener mit Hepatitis C an Empfänger zu erproben, die das Virus nicht in sich tragen. Wenn die Forschungsarbeit gelingt, könnten jährlich Hunderte Nieren mehr – und möglicherweise auch einige Herzen und Lungen – transplantiert werden.

„Wir haben Hepatitis C immer gefürchtet“, sagt Peter Reese, ein führend an der Forschung beteiligter Nierenspezialist der Penn-University. „Aber jetzt ist Hepatitis C einfach eine andere Krankheit.“ Dadurch könne abgewogen werden, ob es erstrebenswert ist, eine neue Niere Jahre früher zu erhalten, obwohl sie mit einer hoffentlich behandelbaren Krankheit infiziert ist.

Fünf Jahre Wartezeit

Hintergrund des ungewöhnlichen Schritts ist der Organmangel in den USA. Mehr als 99.000 Menschen stehen auf der nationalen Warteliste für eine Niere, doch nur etwa 17.000 Menschen jährlich erhalten eine Transplantation und vier Prozent pro Jahr sterben, während sie warten. Dies geht aus Zahlen des Vereinigten Netzwerks für Organverteilung (Unos) hervor.

„Hätten wir genügend Organe, würden wir das nicht tun“, sagt Niraj Desai, der die Hopkins-Studie leitet. Aber „die meisten Patienten stehen der Idee ziemlich offen gegenüber, sobald sie hören, was die Alternativen sind“.

Ärzte hatten Irma Hendricks eine mindestens fünfjährige Wartezeit für eine Niere in Aussicht gestellt. Drei Mal pro Woche ging die 66-Jährige aus East Stroudsburg in Pennsylvania zur Dialyse, doch selbst für ganz alltägliche Tätigkeiten hatte sie keine Kraft mehr.

„Ich nenne es das Zombiesyndrom“, sagt Hendricks. Deshalb ergriff sie die Gelegenheit, an der Studie teilzunehmen, auch wenn ihr die Ärzte sagten, sie könnten nicht für eine Heilung von der Hepatitis garantieren.

Nach der Transplantation nahm sie zusätzlich zu den üblichen Medikamenten drei Monate lang täglich eine Tablette gegen Hepatitis. Untersuchungen zeigten, dass das Virus rasch aus ihrem Blut verschwand. Ihre neue Niere arbeitet gut, und sie hat nun genug Energie, um mit ihrem kleinen Enkel zu spielen. „Das gibt Menschen in meiner Lage neue Hoffnung“, sagt sie.

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