Medizin Was vom Hype um die Stammzellforschung geblieben ist

Die Diskussion um die Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen erhitzte 2002 die Gemüter. Heute hilft die Forschung den Medizinern. Doch das strenge Stammzellgesetz könnte die Forscher ausbremsen.
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Stammzellforschung: Was vom Hype geblieben ist Quelle: dpa
15 Jahre Stammzellenforschung

132 Genehmigungen zur Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen haben Wissenschaftler in Deutschland seit 2002 erhalten.

(Foto: dpa)

BerlinDrohanrufe gibt es nicht mehr und auch der Polizeischutz für den Bonner Wissenschaftler Oliver Brüstle gehört lange der Vergangenheit an. Vor 15 Jahren, am 19. Dezember 2002, erhielt der Mediziner die erste deutsche Genehmigung für die Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen. Für entschiedene Gegner klang das wie ein Freibrief für Frankenstein-Forschung. Für begeisterte Befürworter rückte mit der Stammzellforschung die Hoffnung auf eine schnelle Heilung von Krankheiten wie Parkinson in greifbare Nähe. Heute ist Pionier Brüstle 55 Jahre alt. Was ist vom Hype geblieben - und wo steht Deutschland mit seinem strengen Stammzellgesetz in der internationalen Forschung?

Oliver Brüstle hat keine schnellen Wunder erwartet, schon damals nicht, kurz vor Weihnachten 2002. Der Neuropathologe suchte neue Wege, um zugrunde gegangene Zellen im Nervensystem zu ersetzen - durch im Labor aus embryonalen Stammzellen erzeugte Gehirnzellen. Embryonale Stammzellen werden aus wenige Tage alten Embryonen gewonnen, die etwa bei künstlichen Befruchtungen übrig bleiben. Die aus wenigen Zellen bestehenden Embryonen werden dabei zerstört. Gedacht war Brüstles Idee für angeborene Erkrankungen, bei denen die Isolierschicht um die Nervenfasern defekt ist. Das führt zu Störungen in der Signalübertragung und damit zu schweren Ausfällen im Nervensystem der Patienten.

In 15 Jahren hat die Gewinnung von Ersatzzellen aus menschlichen Stammzellen eine rasante Entwicklung erlebt. Brüstle und seine internationalen Kollegen können heute mit großer Präzision verschiedenste Gehirnzellen - und andere Körperzellen auch - aus Stammzellen herstellen. Am Tierexperiment lassen sie sich bereits erfolgreich einsetzen. Nicht nur, um verloren gegangene Zellen zu ersetzen, sondern auch, um Gendefekte zu reparieren.

132 Genehmigungen zur Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen haben Wissenschaftler in Deutschland seit 2002 erhalten. In einem aufwendigen Verfahren werden die Anträge zunächst von einer Kommission aus Naturwissenschaftlern, Medizinern und Ethikern geprüft, anschließend noch einmal vom Robert Koch-Institut (RKI) für die endgültige Genehmigung.

„Da kommt keiner, der sich kurzfristig überlegt hat, dass er jetzt auch mal embryonale Stammzellen braucht“, resümiert Zellbiologe Peter Löser, der die Anträge beim RKI prüft. „Das ist alles wohlüberlegt.“ In 15 Jahren habe mit der Kommission auch immer Einigkeit bestanden. Nur zwei Anträge habe das RKI bisher abgelehnt, wenige andere seien von den Wissenschaftlern selbst aus Mangel an Erfolgsaussicht oder wegen fehlender Forschungsfinanzierung zurückgezogen worden.

132 Genehmigungen sind nicht gleichbedeutend mit 132 ausgereiften Stammzell-Therapien. Diese Forschung braucht Zeit und viele zunächst hoffnungsvolle Ideen zerschlagen sich im Laufe der Experimentierphase. Die bisher publizierten Ergebnisse könnten sich - gemessen an der Häufigkeit, in der sie in der Fachwelt zitiert werden - aber durchaus sehen lassen, urteilt Löser.

Pionier Oliver Brüstle ist bei seiner Stammzell-Forschung einer Übertragung auf den Menschen inzwischen näher gerückt. Doch auch hier warnt er vor Euphorie. „Noch sind Schwierigkeiten zu überwinden. Eine Frage ist, wie es zu einer ausreichenden Ausbreitung transplantierter Stammzellen über große Abschnitte des Gehirns kommt.“ Denn die Gehirne von Versuchstieren sind kleiner - allein das ist eine Hürde für die Übertragbarkeit.

Je größer die Auslandserfolge, desto höher der Reformdruck
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