Medizin
Wenn der Luxus krank macht

Lifestyle-Erkrankungen sind ein neues Phänomen der westlichen Kulturgesellschaft. Leiden wie Burn-Out-Syndrom oder krankhafter Jugendwahn werden von Ärzten unter dem Begriff der Zivilisatosen zusammengefasst. Vor allem bei jungen Menschen bis Mitte 30 waren die Zahlen alarmierend gewachsen.
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ap FRANKFURT/MAIN. Fußballstar Sebastian Deisler lebte ein Leben, von dem andere träumen. Für seine Künste im Mittelfeld vergöttert, für seine Klugheit bewundert, um sein Privatleben beneidet. Doch dann wurde er krank - und ein prominenter Beweis dafür, dass das Leben im Luxus zur Hölle werden kann. Das Burn-Out-Syndrom, inzwischen auch häufiger Deisler-Syndrom genannt, zählt zu den Hauptformen der Zivilisatosen. Darunter verstehen Ärzte alle durch ungesunden Lebensstil bedingten Zivilisationskrankheiten sowie andere Phänomene, die durch bestimmte Lebensweise beeinflusst oder ausgelöst werden.

„Die meisten gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch das Arbeitsumfeld sind im Lauf der Jahre ausgeschaltet worden, jetzt treten Lifestyle-Erkrankungen als neues Phänomen der westlichen Kulturgesellschaft auf“, sagt Wolfgang Harth vom Berliner Vivantes-Klinikum. Der Begriff Zivilisatosen sei mehr ein Deckname für Erscheinungen von Depressionen hin zu Allergien und psychischen Störungen wie der Tanorexie, der Sucht nach ständiger Hautbräune: „Man wollte dem Ganzen halt einen Namen geben.“

Die unscharfe Abgrenzung macht es schwierig, Zahlen von Betroffenen zu schätzen. Klar ist: Lifestyle-Erkrankungen nehmen zu. Die Krankenkasse DAK verzeichnete zwischen 1997 und 2004 einen Anstieg der psychischen Krankheitsfälle um 70 Prozent. Vor allem bei jungen Menschen bis Mitte 30 waren die Zahlen alarmierend gewachsen. „Die Gründe liegen unseren Experten zufolge vor allem darin, dass die Anforderungen im Beruf und schon in der Ausbildung stark gestiegen sind“, sagt DAK-Sprecher Frank Meiners. Dazu komme, dass Krisen nicht mehr auskuriert werden könnten - die Menschen kehrten unzureichend erholt zurück an den Arbeitsplatz und seien von vornherein anfällig.

Das Umfeld erwartet Leistung, ständige Erreichbarkeit, das Handy muss Tag und Nacht eingeschaltet sein. „Wer dann nicht lernt, Stress zu managen und mit seinen Kräften zu haushalten, gerät ins Schlingern“, sagt Harth. Fehlt Urvertrauen, kommen womöglich Minderwertigkeitsgefühle dazu, stoßen die sogenannten Leistungsträger an ihre Grenzen. Sie werden müde, antriebslos, sehen die Zukunft grundlos negativ. Menschen, die sich ihrem Beruf intensiv verbunden und verpflichtet fühlen - Manager, Ärzte, Sportler - sind besonders gefährdet.

Die Diskrepanz zwischen Schein und Sein verschlimmert die Lage der Betroffenen. „Die meisten sagen: Mensch, dem Manager geht es doch toll, der hat doch alles“, sagt Harth. Führungskräfte und öffentlich bekannte Personen empfänden die Bewunderung jedoch oft als erdrückende Last. Harth verweist auf den Fall Deisler. „Der kann ja nicht einmal einfach so in eine Kneipe gehen und eine Frau kennenlernen“, sagt der Mediziner. „Das ist eine Riesen-Anspannung.“

Das Gegenstück zu Deisler ist der Workaholic, der immerzu arbeitet und am freien Tag mit Kopfschmerzen im Bett liegt. „Der Körper kann sich gar nicht mehr regenerieren, er kann nicht mehr aufholen“, sagt Harth.

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