Medizintechnik
Prothese lindert Phantomschmerz

Wenn Menschen bei einem Unfall einen Arm oder ein Bein verlieren, ist es für viele von ihnen als wäre das verlorene Gliedmaß noch vorhanden. Von den weit über 50 000 Menschen, die sich in Deutschland jedes Jahr einer Amputation unterziehen, leiden einer aktuellen Umfrage zufolge etwa 75 Prozent an Phantomschmerz

BERLIN. Nur jeder Dritte davon ist halbwegs zufrieden mit der medikamentösen Schmerztherapie. Wissenschaftler und Medizintechnikhersteller suchen deshalb neue Wege, um dem virtuellen Schmerz beizukommen.

Forscher aus Jena haben nun gemeinsam mit dem Medizintechnik-Unternehmen Otto Bock eine Armprothese entwickelt, die in ersten Anwendungsversuchen viel versprechende Ergebnisse gezeigt hat. Sie haben dafür eine so genannte myoelektrische Prothese modifiziert, die sich über die Muskelaktivität im Armstumpf steuern lässt. Alleine die Verwendung solcher Prothesen kann Studien zufolge Phantomschmerzen günstig beeinflussen. Bislang fehlt ihnen jedoch eine Rückmeldung an das Gehirn über die Ausführung der Bewegung.

Hier setzen die Psychologen aus Jena an. Sie haben die Prothese mit einem Feedback-System ausgestattet, das die Bewegungen der künstlichen Hand wieder in elektrische Signale zurückverwandelt. Die Stromsignale werden über Elektroden auf die Haut des Stumpfes übertragen, so dass der Patient bei den Bewegungen der Prothese ein leichtes Kribbeln spürt. "Mit entsprechendem Training konnten wir auf diese Weise den Phantomschmerz sehr effektiv behandeln", berichtet Thomas Weiß vom Institut für Psychologie über erste Versuche am Patienten. Erste Besserungen hätten sich bereits 14 Tage nach dem Start mit dem Training gezeigt, sagt Weiß.

Die Theorie dahinter: Die Ursachen für die geisterhaften Empfindungen sind in Umstrukturierungen in der Großhirnrinde zu suchen. Die für die Gliedmaße zuständigen Nervenzellen sind nach der Amputation arbeitslos geworden und besetzen neue Aufgabenfelder. Durch die elektrischen, an die Bewegung der Prothese gekoppelten Reize beschäftigt sich das Gehirn weiterhin mit der Gliedmaße, eine Art Ein-Euro-Job für die unterbeschäftigte Gehirnregion - die Umbauaktionen werden überflüssig. Das Unternehmen Otto Bock zeigt Interesse an den Ergebnissen und will ein solches Feedbacksystem nun in seine Armprothesen integrieren.

Auch der Schmerzmediziner Uwe Kern vom Schmerz- und Palliativzentrum Wiesbaden findet den neuen Ansatz viel versprechend. Mit Medikamenten ließen sich nur die Symptome bekämpfen - neue Methoden wie die der Jenaer Forscher setzten dagegen eher an den Ursachen an, sagt Kern. Allerdings fehlten dafür noch endgültige Belege. "Die Theorie, dass die Umbauprozesse im Gehirn in einem ursächlichen Zusammenhang mit der Entstehung von Phantomschmerzen stehen, ist nicht bewiesen", sagt Kern.

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