Menschenversuche in der Medizin
Versuchsobjekt Mensch

Menschenversuche gehören zu den dunkelsten Kapiteln der medizinischen Forschung. Doch die grauenhaften Experimente in deutschen Konzentrationslagern während des Zweiten Weltkriegs sind nur eine Seite des Themas. Die Medizingeschichte kennt auch eine andere.
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DÜSSELDORF. Am 14. Mai 1796 spritzte der englische Landarzt Edward Jenner einem achtjährigen Jungen den Eiter einer Magd unter die Haut, die sich beim Melken mit Kuhpocken infiziert hatte. Er vermutete, dass die relativ harmlosen Kuhpocken das Kind auch gegen die gefährlichen Menschenpocken immunisieren würden.

Sechs Wochen später überprüfte er die Theorie: Er injizierte dem Jungen hochinfektiösen Eiter aus der Wunde eines pockenkranken Menschen – das Kind blieb gesund. Jenner hatte eine verträgliche Schutzimpfung gegen eine Seuche entwickelt, an der zu Anfang des 19. Jahrhunderts allein in Deutschland jährlich etwa 75 000 Menschen starben. Dass die Weltgesundheitsorganisation 1980 die weltweite Ausrottung der Pocken verkünden konnte, ist auch ein Verdienst des heute Entsetzen hervorrufenden Experiments des englischen Arztes.

Der Fall Jenner zeigt ein Problem auf, das die Medizin bis heute beschäftigt. Um die Krankheiten des Menschen zu erforschen und zu heilen, kann sie neue Erkenntnisse und letzte Gewissheit oft nur durch Versuche am Menschen selbst gewinnen. Die Medizingeschichte ist daher auch eine Geschichte riskanter Testreihen, tollkühner Operationen und mutiger Selbstversuche. Und eine Geschichte grauenhafter Experimente, bei denen Ärzte quälten und mordeten.

Die Vielfalt dieser Forschung am Menschen zeichnet der kürzlich erschienene Band „Menschenversuche. Eine Anthologie 1750-2000“ nach. Die Herausgeber haben darin 73 Quellen aus Medizin, Pädagogik und Psychologie zusammengetragen. Das reicht von Impfexperimenten im 18. Jahrhundert bis zur ersten geglückten Herztransplantation 1967, von Selbstversuchen mit Drogen bis zu mörderischen Experimenten in deutschen Konzentrationslagern.

Die Herausgeber deuten den Menschenversuch als Phänomen der Moderne. „Das Experiment als geregelte Methode gibt es zwar schon seit der Frühen Neuzeit. Aber erst um 1800 tritt auch der Mensch, wie wir ihn heute kennen, ins Blickfeld der Wissenschaft. Deswegen kann man auch erst seit dieser Zeit vom Menschenversuch sprechen“, sagt Katja Sabisch, Mitherausgeberin und Juniorprofessorin an der Universität Bochum.

Robert Jütte, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, führt dagegen an, dass man bereits in der Antike Menschenversuche kannte: „Zwar gab es da noch keine Theorie des Experiments, aber das heißt nicht, dass es keine Experimente gab. Allerdings ist die Quellenlage sehr dünn, so dass wir wenig darüber wissen.“

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