Medizin
MPG: „Irrsinnig langer Weg zu Stammzellen“

Der Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft, Professor Herbert Jäckle, ist überzeugt, dass es eines Tages den gewünschten Ersatzteilkasten aus Stammzellen geben wird. „Ich bin absolut optimistisch, dass es funktioniert.

dpa KOBE. Der Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft, Professor Herbert Jäckle, ist überzeugt, dass es eines Tages den gewünschten Ersatzteilkasten aus Stammzellen geben wird. „Ich bin absolut optimistisch, dass es funktioniert. Aber ich bin absolut pessimistisch, dass es schon in fünf oder zehn Jahren so weit sein kann.“

Das sagte der Leiter der Abteilung Molekulare Entwicklungsbiologie am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) am Wochenende in Kobe.

Jäckle wies besonders darauf hin, dass zurzeit niemand weiß, was mit den Stammzellen wirklich passiert, während sie wochen- oder monatelang in der Kultur gehalten werden. „Und selbst wenn es gelingen sollte, embryonale Stammzellen zu Insulin produzierenden Zellen werden zu lassen: Wie wollen wir prüfen, dass diese Zellen genau das tun, was wir möchten?“, fragt Jäckle. Und ergänzt: „Bei wie vielen der vielen hundert Gene einer solchen Zelle wollen wir prüfen, ob sie korrekt funktionieren? Bei 5, bei zehn oder bei 15? Es ist irgendwann eine willkürliche Entscheidung, wann es den Medizinern mit dem Prüfen reicht.“

Jäckle hat weitere Pfeile im Köcher: „Woher wollen wir wissen, wie lange die einmal umprogrammierten Zellen ihre Aufgabe wahrnehmen?“ Auch wisse heute niemand, was beim Umprogrammieren einer Körper zurück zur embryonalen Zelle wirklich passiert. „Dass es funktioniert, ist erstaunlich genug“, sagt Jäckle. Schließlich komme so etwas in der Natur gar nicht vor - dort sorgt ein ausgefeiltes System im Gegenteil dafür, dass sich das befruchtete Ei in jene gut organisierte Sammlung vieler Mrd. Körperzellen entwickelt, die den fortpflanzungsfähigen Organismus bilden.

Wie alle anderen Stammzellforscher weist der Göttinger Professor darauf hin, dass - sollte es so weit kommen - nur differenzierte, keinesfalls aber undifferenzierte Zellen in einen Patienten gespritzt werden dürfen. Anderenfalls bestehe die Gefahr, dass sich Teratome bilden - krebsähnliche Wucherungen von Stammzellen, die im Körper plötzlich unkontrolliert zu allen möglichen Gewebetypen werden.

Jäckle erwartet indes, dass sich Stammzellen zunehmend besser für Therapien eignen werden: „Die erste Verhütungspille und die erste Herztransplantation hatten auch ein katastrophales Ergebnis.“ Der Max-Planck-Vizedirektor warnt Forscher daher auch davor, in der Öffentlichkeit zu viele Hoffnungen auf Stammzelltherapien zu wecken. „Wissenschaftler arbeiten an diesem Thema, weil sie überzeugt sind, dass es eines Tages funktionieren wird. Es ist aber ein irrsinnig langer Weg, dessen Ende viele gar nicht mehr erleben werden.“ Momentan sei die Stammzelltherapie eine Willenserklärung der Wissenschaft - „manche Menschen vergessen, das klar zu sagen“.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%