Nach dem Ausfall des Hoffnungsträgers Tysabri setzen Mediziner auf intensiveren Einsatz der Beta-Interferone
Neue Strategien gegen Multiple Sklerose

Der überraschende Vermarktungsstopp für das Multiple-Sklerose-Medikament Tysabri hat vor wenigen Wochen nicht nur die Aktionäre der beteiligten Firmen Biogen-Idec und Elan geschockt.

FRANKFURT/M. Eine herbe Enttäuschung bedeutet er auch für Mediziner und Patienten, die auf einen neuen Ansatz zur Therapie der Nervenkrankheit hofften. Denn andere Neuentwicklungen dürften frühestens in zwei bis drei Jahren die Zulassungsschwelle erreichen.

Umso stärker richtet sich nun das Augenmerk wieder auf etablierte Wirkstoffe, so vor allem die Beta-Interferone, die bereits seit mehr als einem Jahrzehnt gegen Multiple Sklerose (MS) eingesetzt werden. Neue Dosierungen und Behandlungskonzepte, so die Hoffnung mancher Forscher, könnten wenigstens einen Teil der Tysabri-Enttäuschung kompensieren. So hat insbesondere der Schering-Konzern derzeit mehrere Studien laufen, die eine höhere Dosierung sowie eine frühzeitigere Anwendung seines Wirkstoffs Betaferon prüfen.

Mit weltweit etwa 2,5 Millionen Betroffenen gilt MS als die häufigste neuro-immunologische Erkrankung. Sie wird ausgelöst durch chronische Entzündungen in Gehirn und Rückenmark. Abwehrzellen des körpereigenen Immunsystems attackieren dabei die Umhüllung der Nervenfasern und zerstören diese nach und nach. Damit wiederum wird die Weiterleitung von Nervenimpulsen gestört, was unter anderem zu Lähmungserscheinungen führt.

Die Herausforderung für Mediziner besteht darin, die Immunreaktionen gegen die Nervenzellen zu dämpfen, dabei aber die nützlichen und oft lebenswichtigen Funktionen des Immunsystems nicht zu blockieren. Diese Balance hat Tysabri offenbar nicht gewahrt. Das Mittel dämpfte die Aktivität der Abwehrzellen so stark, dass sich bei einigen Patienten ein ansonsten harmloser Virus ausbreiten und eine tödliche Infektion auslösen konnte.

Von den Beta-Interferonen sind solche Nebenwirkungen nicht bekannt. Die gentechnisch hergestellten Wirkstoffe gelten vielmehr als so genannte Immunmodulatoren, die das Abwehrsystem zwar verändern, aber nicht übermäßig blockieren. Und nicht zuletzt die langjährigen Erfahrungen mit den Substanzen ermutigt Mediziner in jüngerer Zeit dazu, den Einsatz der Beta-Interferone zu intensivieren, um so die Behandlung von Patienten zu verbessern. „Denn wir beobachten häufig, dass schon in frühen Phasen der MS-Erkrankung Schäden an den Nervenbahnen auftreten“, sagt der Würzburger Neurologe Peter Rieckmann.

Schering hofft nun sogar, mit Langzeitdaten eine lebensverlängernde Wirkung für Betaferon nachzuweisen. Klinische Ergebnisse für den Früheinsatz des Mittels will der Konzern im zweiten Halbjahr präsentieren, Daten für eine Hochdosis-Variante (mit verdoppelter Wirkstoffmenge) im Jahr 2007. Die Studien zielen natürlich darauf, die Position von Betaferon gegenüber den Konkurrenzprodukten Avonex von Biogen-Idec und Rebif von Serono zu verbessern. „Wir wollen belegen, dass Betaferon das stärkste Produkt in dem Bereich ist“, sagt Ludger Heeck, der die strategische Produktentwicklung im Bereich Spezialtherapeutika bei Schering leitet. Pharmaexperten gehen indessen davon aus, dass positive Resultate den Beta-Interferonen letztlich generell größere Bedeutung in der MS-Therapie verschaffen werden. Nach Schätzung mancher Analysten könnte sich das Marktvolumen für die Wirkstoffe-Klasse mittelfristig auf bis zu sieben Mrd. Euro verdoppeln. 

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