Neue Hoffnung für die Medizin
Das Ticken der Gene stumm schalten

Ein filigraner Eingriff ins Uhrwerk des Lebens und viele Krankheiten lassen sich einfach ausschalten. Craig C. Mello und Andrew Z. Fire geben mit ihrer Technik zum gezielten stumm Schalten von Genen der Medizin ein neues hoffungsvolles Werkzeug in die Hand und haben in diesem Jahr dafür den Nobelpreis für Medizin erhalten.

HB STOCKHOLM/HAMBURG. Am 19. Februar 1998 legten Craig Mello und Andrew Fire ihren Kollegen ein neues feinmechanisches Werkzeug in den genetischen Experimentierkasten. Ihr Artikel im Journal „Nature“ zeigte einen Weg, wie sich künftig beliebige Erbanlagen stumm schalten lassen. Beifall und Anerkennung haben Craig und Mello seither zuhauf erhalten. Nur acht Jahre später bekommen sie für ihren filigranen Eingriff ins Uhrwerk des Lebens nun die höchste Auszeichnung ihres Faches, den Medizin-Nobelpreis. Der Anruf aus Stockholm kam nicht unerwartet: Hinter der Würdigung steht die in den vergangenen Jahren gewachsene Hoffnung auf vollends neue Hilfen gegen Viren, Krebs und viele weitere Krankheiten.

Die US-Forscher setzen an, wo das Genomprojekt endete: Das Entziffern der Erbanlagen war pure Fleißarbeit für rastlose Roboter, aber welche Aufgaben übernimmt jedes der rund 30 000 Gene des Menschen? Und wie lässt sich dieses Wissen Gewinn bringend nutzen? Die RNA-Interferenz (RNAi) beantwortet genau diese Fragen.

Wie die Rädchen in einem mechanischen Uhrwerk greifen hunderte Proteine einer Zelle ineinander, damit das Herz schlägt, sich Zellen teilen oder Infektionen bekämpft werden. Fällt in einer Uhr eines der Zahnräder aus, kann daraufhin entweder der Sekundenzeiger, der Kalender oder gleich das ganze Uhrwerk stehen bleiben - je nach Position des Rädchens. In der Zelle ist es ähnlich: Wer wissen will, welche Rolle ein Protein spielt, schaltet es mit der RNAi gezielt aus und blickt auf die resultierenden Störungen im Räderwerk des Lebens.

Das funktioniert auch umgekehrt: Wer ein defektes Protein kennt, kann es mit der RNAi gezielt ausschalten. Sowohl in menschlichen als auch in tierischen Zellen ist das bereits mehrfach gelungen. In Versuchstieren ließ sich ein Gen für hohe Cholesterinwerte stummschalten. Auch Viren - darunter der Aidserreger HIV - bringen meist RNA mit in die infizierte Zelle und lassen sich, wie andere Erreger, im Reagenzglas bereits bekämpfen. Bei Mäusen gelang es zudem, die Symptome der Erbkrankheit Chorea Huntington („Veitstanz“) deutlich abzumildern. Dafür wurde im Hirn der kranken Tiere jenes Gen stummgeschaltet, das für die fortschreitende Zerstörung der Nervenzellen verantwortlich ist.

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