Neuer Medikamentenwirkstoff
Hoffnung im Kampf gegen Multiple Sklerose

Weltweit leiden etwa 2,5 Millionen Menschen an Multipler Sklerose (MS). Im Patientenjargon wird die Krankheit häufig als „Kabelbrand“ bezeichnet: Zellen des Immunsystems greifen die so genannte Myelinschicht an, eine Art Isolationsschicht für die Nerven im Zentralen Nervensystem (ZNS).

DÜSSELDORF. Durch deren fortschreitende Zerstörung wird die Weiterleitung von Nervenreizen langsamer und kommt schließlich zum Erliegen. Ausfallserscheinungen und eine zunehmende Körperlähmung sind die Folge. Eine Heilung von MS ist bislang nicht in Sicht. Mit neuen Medikamenten, die einen zielgenauen Eingriff ins Immunsystem ermöglichen, hoffen Ärzte die Krankheit stoppen zu können.

Heute wird die schubförmig verlaufenden Krankheit vor allem mit so genannten Beta-Interferonen und Glatiramerazetat behandelt. Diese so genannten Immun-Modulatoren mildern die fehlgeleiteten Angriffe des Immunsystems und verringern die Häufigkeit der Krankheitsschübe im Mittel um 30 Prozent. Die Pharmafirmen entwickeln jedoch eine Reihe neuer „Designer Drugs“, die gezielter als bisher in den Krankheitsverlauf eingreifen.

Eines der ersten Medikamente der neuen Wirkstoffklasse ist „Tysabri“, das seit kurzem in den USA und in Europa zugelassen ist. Das von Biogen-Idec und Elan hergestellte MS-Mittel ist ein gentechnisch produzierter Antikörper, der sich an die für die Immunabwehr zuständigen weißen Blutkörperchen heftet und ihnen so den Zugang zum ZNS verwehrt. „Gemessen an der Häufigkeit der Krankheitsschübe war „Tysabri“ in der Zulassungsstudie doppelt so wirksam wie die gängigen Beta-Interferone“, sagt Hans-Peter Hartung, Direktor der Klinik für Neurologie an der Universität Düsseldorf.

Ein ähnliches Potential erhofft sich der Neurologe von dem Wirkstoff „Fingolimod“, der ebenfalls an die weißen Blutkörperchen bindet. Er lässt die schädlichen Zellen – anders als „Tysabri“ – erst gar nicht aus ihren Produktionsstätten, den Lymphknoten, in die Blutbahn gelangen. Nach ersten guten Ergebnissen hat Hersteller Novartis nun die Zulassungsstudie initiiert.

Beide neuen Substanzen bestechen durch eine erleichterte Anwendung im Vergleich zu den gängigen Medikamenten, die täglich oder mehrmals wöchentlich gespritzt werden müssen. „Tysabri“ wird einmal pro Monat als Infusion verabreicht. „Fingolimod“ kann sogar als Tablette geschluckt werden. Doch trotz hoher Wirksamkeit und leichter Anwendung sind die hochspezifischen Wirkstoffe umstritten. „Ein sehr spezifischer Eingriff in das Immunsystem kann unvorhersehbare Fehlreaktionen hervorrufen“, gibt der Düsseldorfer Neurologe Hartung zu bedenken. Wie das enden kann, zeigte ein Wirkstofftest im März dieses Jahres mit der Antikörper-basierten, auf das Immunsystem abzielenden Substanz TGN1412, bei dem sechs Probanden lebensbedrohliche Nebenwirkungen davontrugen.

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