Neuer Therapieansatz
Impfstoff schützt vor Allergien

Mit einer Art Impfung wollen Forscher der Schweizer Biotech-Firma Cytos die Allergien besiegen. Mit künstlich hergestellten Abschnitten der Erbsubstanz des Tuberkulose-Bakteriums stimulieren die Wissenschaftler das Immunsystem zu einer Reaktion auf eine vorgetäuschte Infektionskrankheit.

DÜSSELDORF. Diese so genannte TH1-Immunantwort soll die für Heuschnupfen, allergisches Asthma und manche Nahrungsmittelallergien verantwortliche Überreaktion des Immunsystems unterdrücken. An der Abteilung für Experimentelle Immuntherapie des Universitätsspitals Zürich wurde die Methode erstmals an wenigen Patienten getestet. Nun hat Cytos drei breit angelegte klinische Studien eingeleitet.

Der Ansatz basiert auf der Theorie, dass allergischen Erkrankungen eine Störung der Balance im Immunsystem zu Grunde liegt. Im gesunden Organismus halten sich zwei Wege der Immunantwort, TH1 und TH2 genannt, die Waage. Allergiker dagegen neigen auf Grund einer Unterforderung des für Infektionskrankheiten zuständigen TH1-Weges zu einer überschießenden TH2-Antwort auf eigentlich harmlose Substanzen.

Um die anti-allergisch wirksame TH1-Immunantwort auszulösen, verpacken die Forscher von Cytos Abschnitte der Erbsubstanz von Mycobacterium tuberculosis in ein so genanntes Virus-ähnliches Partikel. Unter die Haut gespritzt, transportiert der Körper den vermeintlichen Virus in die für die Immunreaktion verantwortlichen Lymphknoten. Dort provoziert die immunstimulierende Sequenz aus dem Tuberkulose-Erreger die gewünschte Immunreaktion. „Wir hoffen, Allergien mit dieser Methode an der Wurzel behandeln zu können“, sagt Martin Bachmann, Forschungsleiter bei Cytos.

Allergologen prophezeien allergischen Erkrankungen eine rasante Ausbreitung in der westlichen Welt. Jeder dritte Europäer ist schon Allergiker, bis 2010 wird nach Schätzungen jeder zweite betroffen sein. Neben unangenehmen Beschwerden gibt es handfeste Risiken. Ein falsch therapierter Heuschnupfen beispielsweise führt in 40 Prozent der Fälle zu allergischem Asthma, warnt die Europäische Stiftung für Allergieforschung. Die gängige Therapie der Überreaktion des Immunsystems auf ungefährliche Substanzen ist die so genannte Hyposensibilisierung. Durch dutzende Injektionen eines Allergenextrakts über drei bis fünf Jahre hinweg wird der Körper langsam an die Substanz gewöhnt.

„Die Therapie ist unvergleichlich besser als die gängige Hyposensibilisierung“, sagt der Leiter der ersten Studie, Thomas Kündig vom Unispital Zürich. Nach sechs Injektionen und einer Therapiedauer von wenigen Wochen habe das Medikament alle Erwartungen an die Wirksamkeit übertroffen. „Wir hatten uns eine Erhöhung der Allergen-Toleranz um den Faktor zehn zum Ziel gesetzt, aber tatsächlich waren die Probanden nach der Behandlung fast symptomfrei“, sagt Kündig.

„Der Ansatz von Cytos ist elegant und vielversprechend“, findet Stefan Vieths, Allergie-Experte vom Paul-Ehrlich-Institut, der zuständigen Behörde für Sicherheits- und Zulassungsfragen biologischer Arzneimittel in Deutschland. Die Wirksamkeit müsse aber erst in Langzeitstudien an vielen Patienten verifiziert werden. Der schützende Effekt von Infektionskrankheiten vor Allergien sei bislang hauptsächlich für das Kindesalter nachgewiesen. „Wie das bei einer bereits bestehenden Allergie aussieht, muss sich noch zeigen“, sagt Vieths.

Ein solches Allergie-Therapeutikum wäre ein Blockbuster im weltweiten Milliardengeschäft mit Allergie-Medikamenten. Daher sind die Schweizer Forscher mit ihrem Ansatz nicht alleine. Auch die US-amerikanischen Biotech-Firmen Dynavax und Coley setzen auf eine Impfung und führen klinische Prüfstudien für Allergie-Therapeutika auf der Basis immunstimulierender Erbsubstanz durch.

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