Nobelpreisträgertreffen
Bill Gates nimmt Deutschland in die Pflicht

Niemand nimmt so viel Geld in die Hand, um den Armen und Benachteiligten auf der Welt zu helfen, wie Bill Gates. Im Handelsblatt-Gespräch kritisiert er Deutschland für ein zu geringes Engagement.
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Lindau2,6 Milliarden Dollar hat die von dem Microsoft-Gründer und seiner Frau ins Leben gerufene „Bill & Melinda Gates-Foundation“ vergangenes Jahr für wohltätige Zwecke ausgegeben. Doch selbst diese für eine private Stiftung enorm hohe Summe sei längst nicht ausreichend, meint der 55-Jährige. Deshalb drängt der Milliardär die Industrienationen schon seit Jahren, ihre Entwicklungshilfe-Budgets massiv zu erhöhen.

Mit dem Engagement Deutschlands ist der Amerikaner dabei nicht zufrieden: „Die Bundesrepublik hat die gesündeste Wirtschaft von ganz Europa. Deshalb erwarte ich von diesem Land, dass es zu seinem Versprechen steht und den Anteil der Entwicklungshilfe an der Wirtschaftsleistung von derzeit 0,36 Prozent auf 0,7 Prozent erhöht“, sagte Gates im Gespräch mit dem Handelsblatt. Womöglich geschehe dies nicht wie ursprünglich geplant bis 2015. Wichtiger als der Zeitpunkt sei jedoch, ein Signal an andere Regierungen zu senden.

„Sollte Deutschland das Ziel aus den Augen verlieren, dürfte der britische Premierminister innenpolitisch schwer unter Druck geraten“, ist sich Gates sicher. Großbritanniens Regierungschef David Cameron hat angekündigt, dass seine Regierung das 0,7-Prozent-Ziel in den nächsten Jahren erreichen will – trotz der ansonsten so drastischen Kürzungen im Haushalt. Diesen Kurs könne Cameron nur durchhalten, wenn auch andere Nationen den gleichen Weg einschlagen, ist Gates überzeugt.

Dass innerhalb der EU derzeit Milliardenhilfen in hochverschuldete Länder wie Griechenland flössen, sei kein Grund, die Entwicklungshilfeausgaben zu kürzen oder einzufrieren: „Es geht nicht an, die Haushalte auf dem Rücken der Ärmsten zu sanieren“, sagte Gates.

Der Stiftungsgründer ist einer der reichsten Männer der Erde. Die Führung von Microsoft, des größten Softwarekonzerns der Welt, hat er vor elf Jahren an seinen Freund Steve Ballmer abgegeben. Inzwischen ist Gates nur noch Chairman des Unternehmens, also eine Art Chefaufseher. Stattdessen setzt er 90 Prozent seiner Zeit für die Gates-Foundation ein.

Einer der Schwerpunkte der Stiftung ist der Kampf gegen lebensbedrohliche Krankheiten in Entwicklungsländern. Deshalb kam Gates am Sonntag auch zu einer Tagung von Medizin- und Chemie-Nobelpreisträgern in Lindau. Dort diskutierte der Ex-Manager unter anderem mit zahlreichen Nachwuchswissenschaftlern über Wege, Krankheiten wie Aids, Malaria oder Tuberkulose einzudämmen.

Gates appelliert aber nicht nur an den deutschen Staat. Er sieht alle Menschen hierzulande in der Pflicht, mehr Geld für die Entwicklungshilfe bereitzustellen. „Das bürgerschaftliche Engagement in Deutschland ist längst nicht so groß wie in anderen Ländern“, unterstrich Gates.

Er selbst hat in seiner Stiftung gut 900 Mitarbeiter angestellt, die sich vor allem um Projekte in Afrika und Asien kümmern. Die Einrichtung speist sich aus einem sogenannten Trust, der über 37 Milliarden Dollar Vermögen verfügt.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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